Arbeitsgeräte

Als ich vor vielen Jahren damit anfing, in meiner Freizeit irgendwelche Mobiltelefone zu zerlegen und zu reparieren, hatte ich anfangs natürlich nur so ganz billige Schraubendreher, mit denen die Arbeit nicht immer klappte und die nicht sehr stabil waren. Irgendwann nahm ich dann mal Geld in die Hand und kaufte mir richtige Schraubendreher für diese feinen Schrauben. Alle Torx-Größen T2-T30 zum Beispiel, einzeln, von den Herstellern Wera, Wiha, Gedore usw.. Ich schrieb hier schon mal darüber, erwähnte auch den überaus empfehlenswerten Knipex-Zangenschlüssel, der bei mir ein ganzes Set an Schraubenschlüsseln ersetzt.

Kurzum: Das Leben ist zu kurz für schlechtes Werkzeug und diese Dinge müssen einfach verlässlich funktionieren. Wenn sie dann ein paar Jahre halten, dürfen sie sicherlich auch etwas mehr kosten.

Immer wieder erlebe ich es aber, dass die Leute diese einfache Wahrheit bei Werkzeug anerkennen – was sich übrigens auch in hochwertigen Küchengeräten bemerkbar macht – bei Geräten & Software aus dem IT-Bereich aber oft den Wert nicht erkennen und dann zur nächstbesten Lösung greifen.

Mich wundert das dann. Heutzutage ist es doch so, dass viele von uns “irgendwas mit Computern” machen bzw. den ganzen Tag vor einem Gerät verbringen, das Daten elektronisch verarbeitet. Das ist unsere Schnittstelle. Sei es jetzt ein Computer oder ein Handy. Wenn man nicht gerade im handwerklichen Bereich aktiv ist und mit irgendwelchen Spezialwerkzeugen Gewerke erschafft, dann ist der Output doch meistens geistiger, digitaler Natur. Das was am Ende herauskommt ist dann eine E-Mail, ein Word-Dokument, ein Text, eine Website, ein bearbeitetes Bild, ein Video, eine Audiodatei oder vielleicht auch nur eine kurzlebige Story in den sozialen Netzwerken. Digitale Inhalte, die auf digitalen Geräten erstellt werden und die einfach immer gut und verlässlich funktionieren müssen. Es sind unsere Arbeitsgeräte mit den Schnittstellen Tastatur, Bildschirm, Mouse/Touchpad, Audio/Video-Ein-/Ausgabe. Diese sollten optimal sein.

Dafür aber, dass wir so darauf angewiesen sind und dass sich unser Output so sehr auf dieser digitalen Ebene abspielt, dafür gibt es noch viel zu schlechte Hardware und Software im privaten, aber auch im geschäftlichen Umfeld. Und auf der anderen Seite wird guten Arbeitsgeräten viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Arbeitsprozesse werden nicht richtig durchdacht, oder teilweise mit einer falschen Genauigkeit.

Ich verstehe das nicht. Es wird oft am falschen Ende gespart, die Wichtigkeit dieser Funktion wird nicht erkannt und dadurch werden Dinge gefährdet, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollten. Mir erzählte letztens ein Bekannter, der in seiner Agentur für die IT zuständig ist, welche Schwierigkeiten er dabei hat, seinen Chef von ein paar dringenden Notwendigkeiten im IT-Bereich zu überzeugen. Es ist so mühsam.

Und es ist auch erstaunlich: Viele meiner Windows-Kunden sind froh und glücklich, wenn ihre Geräte drei Jahre lang gut durchhalten und wenn dann irgendwas nicht gut funktioniert, wird ein neues Gerät gekauft. Die Daten müssen irgendwie migriert werden, oder auch nicht. Backups sind kompliziert, selten vorhanden oder Daten lassen sich nur mühsam wiederherstellen.

Meine Apple-Kunden dagegen sind es gewohnt, viel Geld für ihre Hardware zu investieren, die dann auch so lange verwendet wird, bis nichts mehr funktioniert. Meistens liegt es dann aber nur an der Software, weil Apple seine Kunden zum Upgrade nötigt. Als langjähriger PC-Nutzer bin ich immer wieder über die Apple-Geräte erstaunt, die hardwareseitig länger eingesetzt werden und softwareseitig oft eine größere Produktivität erlauben. Die Hardwaredetails interessieren dabei nicht, entweder es funktioniert oder nicht. “Welches Gerät hast Du denn und welche Version des Betriebssystems?” – “Wo sehe ich das?” (dabei gibt es im Menü oben links extra das Apfel-Symbol und “Über diesen Mac” – wesentlich deutlicher als bei Windows). Bei den meisten meiner Apple-Kunden gibt es einen ganz anderen Fokus auf die Wertigkeit von Hardware, auch wenn es manchmal übertrieben und nicht immer sinnvoll ist (“oh, so schönes Design”; Auflademöglichkeit der Apple Maus, spiegelnde Displays usw.). Die Backups über TimeMachine empfinde ich als angemessen.

In den letzten Jahren wurden die klassischen Desktop PC immer mehr von Laptops verdrängt, weil die Geräte leistungsfähiger wurden und für die meisten Aufgaben ausreichen. Ich schrieb hier schon mehrfach, dass ich bisher eigentlich immer nur gebrauchte Business Laptops kaufe und diese sehr empfehlen kann. Jetzt nach dem Kauf eines 2020er Apple MacBook Airs mit M1-CPU bin ich etwas von dieser Empfehlung abgekommen, weil dieser M1-Prozessor so ein Quantensprung ist was die Performance betrifft und ich mir derzeit auch kein neues Gerät mit intel-CPU kaufen würde (da mir bei deren mobilen Geräten derzeit noch zu viel Energie in Wärme umgewandelt wird und AMD Ryzen und Apple ARM-Chips hier zur Zeit bessere Alternativen darstellen). Aber ich will hier gar nicht weiter ins Detail gehen, denn: Es fehlt einfach eine Instanz, die die Konsumenten an die Hand nimmt und im Laden Geräte empfiehlt, die man sich so kaufen kann. Dafür gibt es oft nur Vergleichstests, die diverse technische Daten auflisten, mit denen die meisten meiner KundInnen nichts anfangen können. “Ist das gut oder schlecht?” – “Kommt drauf an”, und das bringt uns im Entscheidungsprozess dann auch nicht weiter.

Falsches Marketing

Nein, was wir eigentlich noch mehr brauchen statt der vielen SEO-optimierten Suchergebnisse mit ihren Affiliate-Links, den nerdigen Testberichten und der geringen Wertschätzung auf Konsumentenseite, das wären unabhängige Test und Bewertungsplattformen. Konkrete Empfehlungen, mit denen die Leute etwas anfangen können. Wer sich seinen Laptop beim großen Elektromarkt kauft und dort nur nach der Haptik, dem Aussehen oder der Meinung des Verkäufers geht, kauft da nicht immer optimal ein. Und die Verkäufer können auch nur das empfehlen was sie im Angebot haben. Viele der o.g. Business-Laptops gibt es oftmals gar nicht im Privatkundenbereich. Das ist schade und aus meiner Sicht völlig falsches Marketing.

Ich empfinde es auch so, dass schlechtes Marketing heutzutage viel zu viel kaputt macht und dabei zerstört, was eine Marke als guten Eindruck beim Kunden aufbauen kann. Gute Produkte, die von ihrem Markennamen positiv oder negativ überschattet werden. Völlig unnötig.

Heute wieder: Ein Kunde kam mit seinem Windows Laptop zu mir. Toller Laptop mit guter CPU, okayem Akku, guter Tastatur, Touchpad auch nice, absolut ausreichend alles – bis auf die völlig falsch verbaute und falsch konfigurierte Festplatte. Wohlgemerkt, ab Werk. Der Laptop selber und der Hersteller sind gut, aber: “Ich hätte mir sonst keinen Laptop mehr von diesem Hersteller gekauft” (wenn wir das jetzt nicht verändert hätten). DAS ist es, was beim Konsumenten hängen bleibt. Und das ist es, was die Hersteller nicht verstehen. Bis auf Apple vielleicht, bei denen das Marketing Teil des Produktes ist.

Überfrachtung

Ein weiteres Problem gerade der asiatischen Hersteller ist die Variantenvielfalt. So gibt es eine Laptopserie in diversen verschiedenen Kombinationen, alle einzeln mit verschiedenen und kryptischen Produktbezeichnungen. So etwas verwirrt die Konsumenten nur. Das braucht auch kein Mensch. Die Leute kaufen sich dann Apple-Geräte, weil sie dort nicht so viel Auswahl haben. Kein Mensch benötigt wirklich diese Vielfalt, sondern primär ein funktionierendes System. Das ist aus meiner Sicht auch der Erfolg des iPhones, das ja im Gegensatz zu den Smartphones mit Android-Betriebssystem nicht so vielseitig ist. Aber es funktioniert einfach gut und zuverlässig, man muss weniger einstellen (= entscheiden) und kann auch weniger verstellen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Die Leute nicht verwirren, nicht mit einem Einstellungszoo überfrachten und ihnen Entscheidungen vorlegen, die sie gar nicht treffen wollen und können.

Und diese Vielfalt, dieses Chaos im Marketing und in den Produkten ist vielleicht auch einer der Gründe, wieso die Leute am Ende oft irgendwas kaufen und dann hoffen, dass es irgendwie funktioniert. Und nicht das für sie beste Gerät, mit der besten Kombination aus Hard- und Software. Am beruflichen Arbeitsplatz ist es dann oft nicht besser. In den Firmen müssen sie sich mit schlechter Hardware und vor allem schlechter Software herumärgern, was viele Arbeitsprozesse verlangsamt oder verkompliziert. Dazu gibt es keinen “Computerführerschein”, und damit meine ich nicht Schulungen für bestimmte Programme, sondern grundliegende Dinge im Umgang mit dem Betriebssystem. Das hat aus meiner Sicht auch nichts mit dem Alter oder der Generation zu tun. Die Dinge werden immer komplizierter, trotzdem haben mittlerweile viele Leute ein Smartphone und verschicken im Messenger ihre Sachen. Ist das unkomplizierter? Vielleicht sind wir jetzt auch direkt in die mobile-first-Generation gerutscht, die sich gar nicht mehr mit dem ganzen IT-Kram herumärgern möchte und sowieso alles nur noch vom Handy aus macht. Vielleicht ist das gar nicht verkehrt, es würde zumindest viele IT-Probleme drastisch reduzieren.

Übrigens, Handy: Ich liebe mein iPhone 12 und hatte es mir letztens Jahr im Finanzkauf bestellt. So viel wie für dieses Smartphone habe ich noch nie für einen Computer bezahlt. Aber ich habe es jeden Tag mehrfach in der Hand, wache damit auf und schlafe damit ein, es ist mein ständiger Begleiter und es muss daher optimal sein und 100% funktionieren. Es ist mein Arbeitsgerät.

Product-as-a-service

Vielleicht wäre das alles auch kein Problem, wenn wir diese Geräte zukünftig nicht mehr kaufen, sondern nur noch mieten würden. Drei Jahre Laufzeit, jeden Monat eine Gebühr bezahlen, ein 100% funktionierendes Top-Gerät bekommen, damit produktiv sein, nach dem Ende der Laufzeit das Gerät an den Hersteller zurückschicken, der es zerlegt und die Rohstoffe wiederverwendet. So ist das gedacht. Leider sehen es viele Konsumenten hierzulande immer noch nicht so, möchten nicht nur Besitzer, sondern auch Eigentümer sein, möchten die Dinge für sich haben und stellen diesen Wert über den eigentlichen Nutzwert. Was bringt ein altes Gerät, das zwar mir gehört, aber nicht mehr richtig funktioniert? Gerade bei Geräten mit fest verbauten Akkus (Apple AirPods) macht das aus meiner Sicht Sinn. Aber beim Verbraucher kann man dieses Umdenken von “Nutzen” statt “Eigentum” vermutlich nur dann erreichen, wenn ein deutlich finanzieller Vorteil erkennbar wird. Das ist so schade und auch ein Versagen des Marketings.

Ein Hersteller wie Apple, der seine komplette Wertschöpfungskette kontrolliert und stets optimiert, der könnte so etwas locker anbieten. Die MacBooks nicht mehr verkaufen, sondern vermieten. Das hätte auch finanzielle Vorteile für den Hersteller, weil er so Eigentümer der immer teurer werdenden Rohstoffe bleibt. Und es wäre natürlich ein wesentlicher Beitrag zum Umweltschutz, zur Nachhaltigkeit. Vielleicht werden sie das irgendwann erkennen. Vielleicht werden die anderen Hersteller auch irgendwann das Marketing von Apple übernehmen (und nicht nur die Geräte klonen), bei dem es eben nicht mehr nur um den einmaligen Verkauf von Hardware geht. Am Ende will man die Dinge nur nutzen und in der vergleichsweise kurzen Lebenszeit nur produktiv arbeiten können. Was bei gutem Werkzeug so plausibel erscheint, muss sich im IT-Bereich sowohl im Hard- als auch im Softwarebereich argumentativ aus einer Ecke herauskämpfen. Das ist doch alles weit hinter dem was technisch möglich wäre.

Wieso verbraten wir so viel Lebenszeit mit so vielen schlechten Dingen, die uns nicht wirklich weiterbringen? Und wieso gibt es so viele verwirrende Informationen und so wenige wirklich gute Methoden, Dinge gleich richtig zu machen?

tl;dr

In einer Welt, in der unser Output immer digitaler wird, sollten die technischen Mittel als Arbeitsgeräte verstanden und entsprechend bewertet werden. Auch gute Software ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eher die Ausnahme. Gute Produkte haben ihren Preis. Gute Produkte sollen einen nicht aufhalten, sondern in der täglichen Produktivität sinnvoll unterstützen. Hardware kann auch für eine bestimmte Nutzungsdauer angemietet werden, weil wir im Grunde nur seine Funktionalität benötigen und nicht das Eigentum an den eingesetzten Materialien. Nachhaltigkeit fängt dort an, wo wir uns über Nutzungsszenarien Gedanken machen und unsere Ressourcen gezielter einsetzen.

Author: jke

Hi, I am an engineer who freelances in water & sanitation-related IT projects at Saniblog.org. You'll also find me on Twitter @jke and Instagram.

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