Die Kunst im August

Manchmal muss man die Dinge einfach ausprobieren.

Inspiriert von dem einen US-japanischen Maler, der traditionelle japanische Maltechnik mit abstraktem Expressionismus kombiniert und über den ich im Juli schrieb, bekam ich Anfang August die fixe Idee, selber einmal etwas Malen zu wollen. Gerne auch im ähnlichen Stil, denn die Mischung aus blauen Türkistönen und Gold hatte es mir sehr angetan.

Die letzte leere Wand im Wohnzimmer.

Im Wohnzimmer gibt es eine schmale Wandseite, an der gefühlt noch Platz für ein kleines, längliches Bild ist. Früher hing dort noch ein antikes japanisches Rollbild, aber seit der Ausdehnung des Bücherregals über die komplette Wandseite fehlt da einfach der Platz. Ich bin auch kein großer Freund von Bilder-Clustern, für mich reicht optisch oft ein Bild an einer Wand, das dort alleine für sich wirken muss. Sonst ist es mir zu viel und stört eher. Unterhalb der freien Wandfläche steht auch ein japanischer Hibachi, hier in der Form eines schweren Porzellangefässes. Hibachis sind eigentlich Feuerstellen, in denen die glühende Kohle auf Asche gelagert wird. Bei mir wird der als Blumentopf zweckentfremdet und verdeckt dabei eine hässliche Steckdose.

In der Vergangenheit hatte ich mir hierfür schon ein paar japanische Stoffe, Holzschnittdrucke und Fotografien aus einem japanischen Tempel organisiert, die aber alle viel zu massiv wirkten und daher nicht zum Einsatz kamen. Entweder also gar nichts hinhängen oder irgendwas leichtes, das idealerweise auch noch mit dem Hibachi harmoniert. Aber was? Selbermachen?

Leidenschaften

Nun ist es so, dass ich der Malerei gegenüber bisher eher passiv eingestellt war. Habe ich doch schon so viele kreative Bastel- und Nerdhobbys, die sich oft nur im stillen Kämmerlein abspielen. Und mit der Malerei ist es vermutlich auch so wie mit allen tollen Hobbys, in denen man viel Zeit und Geld verbraten / investieren kann. Dazu kommt noch diese innere Grundhaltung, dass Malen oder Zeichnen vielleicht eher diejenigen machen sollten, die das auch wirklich können. Aber vielleicht kann ich das ja auch?

Wenn man also ein intellektueller Mensch ist, der die Dinge vorher erst durchdenkt und dann oftmals gar nicht macht, weil man sich das Szenario im Kopf schon durchgespielt hat, dann ist das auch nicht gerade gut. Zumal es sich mit der Kunst auch so wie mit vielen emotionalen Dingen (~ der Liebe) verhält: In dem Moment muss dass einfach raus, und dann wird da auch nicht nach dem Sinn oder einer Absicht gefragt. Einfach machen und das Herz und den Kopf befreien, das war meine Anfangsmotivation und mittlerweile bin ich da etwas auf den Geschmack gekommen. Aber der Reihe nach:

Nihonga & Eitempera

Dieser US-japanische Maler also hat eine spezielle Maltechnik erlernt und für sich dahingehend optimiert, dass er Knochenleim mit mineralischen Farbpigmenten mischt und in mehreren Schichten auf großen Leinwänden aufträgt. Anschließend kommt Blattgold auf die Schichten und wird dort eingearbeitet. Diese Vorgehensweise habe ich aber erst jetzt bemerkt, als der Maler ein Video bei Instagram gepostet hat, in dem er diesen Vorgang aufzeigt.

In Ermangelung dieser Information hatte ich mir dieser Tage beim Fachgeschäft für Künstlerbedarf einfach mal selber mal interessante Farbpigmente und einfache Leinwände gekauft. Bei den Farbpigmenten nahm ich erst ein “Ultramarinblau dunkel” und ein “Eisenoxidgelb dunkel”, die sich beide sehr gut mit Wasser mischen ließen. Dass es da auch hydrophobere Pigmente geben sollte, fand ich erst später raus. Als Bindemittel verwendete ich ein einfaches Eitempera, also grobes Eigelb, Wasser und in Ermangelung weiterer Zutaten einfach nur Speiseöl. Funktioniert, ist aber sehr primitiv und suboptimal. Also zwei Tage später nochmal hin zum Laden und eigentlich wollte ich nur Leim kaufen, weil ich so diese fixe Idee im Kopf hatte, es wie der japanische Maler zu kombinieren. Dann traf ich im Laden aber einen sehr fachkundigen, älteren Fachberater, der mir nochmal die Möglichkeiten vorstellte und als Plan B auch einen matten Acryl-Binder in die Hand drückte. Dazu nahm ich noch Dammarfirnis und fand zu Hause auch noch frisches Leinöl.

Mein verwendetes Eitermpera besteht also aus zwei Eigelben (die ich wie in dem Video sorgfältig in Küchenpapier trockenrolle und dann vorsichtig ansteche, um auch die Haut ums Eigelb herum zurück zu behalten), dann kommen da noch ein gefühlter Teil Wasser, Dammarfirnis und etwas Leinöl rein. Gut schütteln, fertig. Die Farbpigmente werden dann mit etwas Wasser “angeteigt” und danach kommt das Bindemittel dazu – in der gewünschten Menge und dem richtigen Verdünnungsgrad. Es ist mir eigentlich auch der wichtigste Teil, also dass ich da über diese Pigmente und die eigene Herstellung des Bindemittels ein Gefühl für die Farbpigmente bekomme und es besser einschätzen kann. Und es ist mir auch wichtiger als irgendwo eine Farbtube aufzudrehen und fertige Farben zu verwenden. Auch wenn das sicherlich sehr viel bessere Ergebnisse erzielt. Der Weg ist hier das Ziel, gerade für so einen totalen Anfänger wie mich, der sich alleine schon an der immensen Leuchtkraft der Farben erfreuen kann.

Blau und Gold

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Ich liebe es jetzt schon.

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Das Ultramarinblau ist aber auch so ein Burner. Es hat so eine lebendige Kraft. Dieses Blau mit dem Gold zusammen erinnert mich auch an den Ausdruck “blaues Gold” für Wasser, was etwas witzig ist, da ich Wasserwirtschaft studiert habe und Wasser so mein Element ist, sowohl in privater als auch beruflicher Sicht. Ich träume auch öfter von Wasser. Es ist also eine folgerichtige Kombination, die Mischung aus intensivem Blau und Gold, wie ich sie früher bei meinen bisherigen Bastelprojekten (mit Brokatstoff) bereits verwendet hatte und die mich teilweise auch an diese dekadente Mischung bei teuren Golduhren mit dunkelblauem Ziffernblatt erinnert. Blau und Gold sind wohl mein Ding, und ich habe das erst jetzt etwas besser verstanden.

Da hatte ich mal diese Phase, in der ich Gebrauchsgegenstände mit Stoff bekleben musste. (Link)

Als “Gold” verwende ich nicht etwa das oben abgebildete Eisenoxidgelb, sondern einfaches Schlagmetall in goldener Farbe, das ich mal vor einer Ewigkeit bei eBay für genau so einen Anwendungszweck bestellt hatte. Dieser Tage kamen als Farbpigmente noch ein Phthalogrün und ein Scharlachrot hinzu. Das Rot ist auch wieder so ein Burner, das einem die Netzhaut wegbrennt, so gut kickt das innerlich. Das Phthalogrün hingegen ist Typ Einzelkämpfer, weil mega hydrophob. Lässt sich erst nach langer Bearbeitung mit dem Bindemittel vermischen, und mit dem bereits erwähnten Acryl-Binder auch eher nur klumpig. Vor allem aber ist mir der Anteil an Dammarfirnis bisher noch zu hoch gewesen, da muss ich nochmal ran. Aber auch die Erkenntnis, dass man jedes Mal ein anderes Ergebnis bekommt, je nachdem wie man sich das Bindemittel anmischt. Und dass es eben nicht am Farbpigment alleine liegt. Analog dazu die oben abgebildete Phase, in der ich Dinge mit Stoffen bekleben musste: Mit dem richtigen Sprühkleber hätte ich mir damals vielen Frust ersparen können. Aber solche Dinge weiß man erst man sie macht und daraus lernt.

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Slowly getting there…

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Jetzt ist das Gold alle und ich bin mit der Bilderserie irgendwie fertig. Das Ergebnis ist fürs erste Mal und für mich persönlich ganz ok. Natürlich würde ich mir noch mehr Glanz wünschen und vielleicht kommt der auch noch, wenn ich die Bilder mit einem Spray fixiere. Aber so für den ersten Versuch und das Hereinschnuppern fühlt sich das für mich schon alles recht stimmig an.

Das vorläufige Malergebnis nach der ersten Runde. Bei schlechter Beleuchtung fotografiert.

Vor allem aber bin ich jetzt etwas auf den Geschmack gekommen mit der Mal- und vielleicht auch Zeichenkunst, denn eigentlich macht man das alles nur für das eigene Seelenheil. Man mag sich auch gar nicht davon trennen, aber selber irgendwo aufhängen? Sie fühlen sich an wie vollgeschriebene Tagebücher, die würde man ja auch nicht einfach so hergeben. Und anderen Leuten meine “Kunst” aufdrängen ist auch eher anmaßend, reicht schon so ein langer Blogpost zum Thema wie dieser hier.

Die ganze Wohnung stinkt jetzt übrigens nach faulen Eiern oder altem Fisch, keine Ahnung was es genau ist, es kommt auf jeden Fall von den Bildern und daher bin ich ganz froh, das Kapitel jetzt erstmal abschließen zu können. Den Esstisch brauche ich morgen wieder für ein Kundenprojekt im Home Office, aber mit der Kunst ist es halt wie auch mit allen Dingen im Leben: Ein Tetris der Gefühle. Dinge dorthin schieben wo sie Platz einnehmen können und nicht stören.

Und ein weiterer Lerneffekt beim Malen: Man muss lernen, Dinge einfach mal so stehen zu lassen wie sie sind. Nicht noch im Nachhinein optimieren wollen und damit irgendwelche Untergründe aufhellen. Das lässt sich leider auf so viele andere Dinge im Leben übertragen, und ich kenne genügend Leute, die sich mit genau diesem Wahn ständig selber unter Druck setzen. Malen also auch als therapeutisches Mittel zur Entschleunigung und frei nach Erich Kästner das “Unverständliche” unverständlich bleiben lassen.

Nach der Fixierung und bei Tageslicht. Manches totaler Schrott, anderes ok.

An dieser Stelle nochmals vielen lieben Dank an Tom von BNT für die sehr schöne Spende an kleinen Leinwänden! Bis auf drei Stück sind schon alle bemalt worden…

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