Heute mal auf Deutsch: Twitter

Vor ein paar Tagen habe ich mein 3jähriges Jubi­lä­um auf Twit­ter gefei­ert. Auf den Tag genau mit @handelsblatt und @pottblog.

3 Jah­re auf Twit­ter — mit nicht nur einem Kon­to — auf Twit­ter aktiv sein bedeu­tet vor allem eines: weg von der typisch deut­schen Sicht­wei­se, hin zu viel mehr Tole­ranz. Oder anders gesagt: wenn ich bei Twit­ter nur den­je­ni­gen fol­gen wür­de, die sinn­vol­le Tweets (so hei­ßen die ein­zel­nen Twit­ter­nach­rich­ten für mich) abset­zen, wäre ich wohl nicht so lan­ge dabei — und viel­leicht auch nicht so begeis­tert davon.

In die­sen drei Jah­ren, in denen sich Twit­ter von der Nische hin zu einem halb­wegs eta­blier­ten Tool gemau­sert hat, ist wirk­lich viel pas­siert. Mei­nen Umgang mit Twit­ter und was es für mich bedeu­tet habe ich hier in die­sem Blog in der Ver­gan­gen­heit schon öfter erwähnt, aller­dings auf Eng­lisch, und es ist eigent­lich nur mei­ner Faul­heit zu ver­schul­den, dass ein­zel­ne Tweets bzw. Rück­mel­dun­gen via Twit­ter noch nicht in die­sem Blog auf­ge­lis­tet wer­den und gleich­wer­tig zäh­len. Die Lay­out­vor­la­ge mei­nes Blogs stammt aus 2006, aber irgend­wann dem­nächst wer­de ich dem allen mal Rech­nung tra­gen und die­ses pri­va­te Blog so auf­zie­hen wie ich es auch bei Kun­den­blogs mache.

Eben­so muss ich ein­ge­ste­hen, dass ich noch kei­ne offi­zi­el­le “Twit­ter­po­li­cy”, also Vor­ge­hens­wei­se zum Umgang mit Twit­ter, ver­fasst habe. Bis aufs Meckern wür­de ich aber wohl die­ser Bedie­nungs­an­lei­tung zustim­men und für mich übernehmen.

Beim The­ma Twit­ter gibt es eigent­lich so viel zu erwäh­nen, dass ich gar nicht wüss­te, wo ich anfan­gen soll. Mitt­ler­wei­le gibt es auch die ver­rück­tes­ten Spin­ner auf Twit­ter — ganz schlimm fin­de ich die Mar­ke­ting­fuz­zis und Twit­ter­coa­ches, die mir auto­ma­tisch fol­gen, weil sie irgend­wo ein däm­li­ches Tool dafür beauf­tragt haben. Ich sehe es da ähn­lich wie die­ser Nut­zer in sei­nem Tweet:

FireShot capture #002 - 'Twitter Matthias Strack ein @twittcoach will mir f ' - twitter com bobbes status 13013270613

Zwei Din­ge aber möch­te ich ger­ne fest­hal­ten, und die­se sind auch der Grund für den Blogeintrag:

1. Ich habe oft den Ein­druck, dass vie­le inter­es­sier­te Inter­net­be­nut­zer in Deutsch­land in Twit­ter nur eine rei­ne Zeit­ver­schwen­dung sehen, die ohne sinn­vol­len Out­put daher­kommt und bes­ten­falls der leich­ten Unter­hal­tung dient.

Für die­se Annah­me muss ich nicht auf das aktu­el­le Bei­spiel von Herrn Grupp zurück­grei­fen, der als CEO von Tri­gema die­ser Tage ein paar unglück­lich gewähl­te Wor­te zum The­ma Twit­ter gefun­den hat­te — und damit fast die gesam­te deutsch­spra­chi­ge Twit­ter­späh­re gegen sich auf­ge­bracht hatte.

Da ich Herrn Grupp bei der Nutec als sehr zuvor­kom­mend erlebt hat­te, der sich als Off­liner sei­ne E‑Mails offen­bar auch von sei­ner Sekre­tä­rin vor­le­gen lässt, stört mich so ein Kom­men­tar eher weni­ger. Jedem sei­ne Kernkompetenz.

Nein, viel­mehr sind es die vie­len ande­ren Twit­ter Benut­zer, die dort ange­mel­det aber wenig aktiv sind. Die Teil­neh­mer der moder­nen Wis­sens­ge­sell­schaft, die über eine eige­ne E‑Mail Adres­se ver­fü­gen und es eigent­lich bes­ser wis­sen müss­ten. Gera­de bei die­sen Men­schen bemer­ke ich oft eine gewis­se Erwar­tungs­hal­tung, ein Hof­fen auf sinn­vol­le Beiträge.

Für die­se Annah­me muss man gar nicht zwi­schen den Zei­len lesen — der Unmut über die Fehl­leis­tung von Twit­ter wird an ver­schie­de­nen Orten kund getan. Für mein Ver­ständ­nis ist das eine typisch deut­sche Eigen­art — erst­mal alles schlecht machen was man nicht gut fin­det. Dass man sich dadurch auch Chan­cen auf ein Wei­ter­kom­men ver­baut, wird dabei schein­bar nicht bedacht.

Beim Blog­gen auf AfriGadget.com habe ich gelernt, dass die ame­ri­ka­ni­sche Sicht­wei­se — erst­mal alles toll fin­den — gar nicht so ver­kehrt ist. Din­ge müs­sen nicht per­fekt sein, müs­sen nicht 1A abge­si­chert sein damit sie funktionieren.

Genau aber die­ses “per­fek­te” mer­ke ich oft bei mei­nen Mit­men­schen hier in Deutsch­land. Ich neh­me mich da auch nicht aus und habe auch einen gewis­sen Per­fek­tio­nis­mus in man­chen (vor allem tech­ni­schen) Din­gen. Mit die­sem Per­fek­tio­nis­mus kommt man aber oft nicht wei­ter, oder ärgert sich gar.

Zurück zur Glau­bens­fra­ge und der Nut­zung moder­ner Medi­en: Pro­fes­sor Peter Kru­se hat­te es ja letz­tens auf der re:publica 2010 so treff­lich beschrie­ben: “Die Social Soft­ware des Web 2.0 ist ein Angriff auf die eta­blier­ten Regeln der Macht und erzwingt ein grund­le­gen­des Umdenken.”

Eine Erkennt­nis, die wir schon im März 2000 in der Brand­Eins zum The­ma Clue­train gele­sen haben. Auch wenn es das The­ma Web 2.0 damals in die­ser Form noch nicht so gab.

Eta­bliert ist näm­lich auch der — her­kömm­li­che — Ansatz zu Wis­sen, das in der Ver­gan­gen­heit in Büchern und ande­ren schlau­en Medi­en zu fin­den war. Heut­zu­ta­ge aber, so emp­fin­de ich es zumin­dest, las­sen sich für mich brauch­ba­re Infos auch über Twit­ter finden.

Oder anders gesagt: bei all dem digi­ta­len Rau­schen, das es in Twit­ter mit­un­ter gibt, fin­de ich doch öfter die gewünsch­ten Infos über social tools wie Twit­ter oder Deli­cious. Für mich ein nicht zu unter­schät­zen­der Nut­zen und einer der Grün­de, wie­so ich selbst sol­ches Wis­sen bei Twit­ter ver­brei­te (hier: Erfah­run­gen mit Pro­dukt A).

2. Das Clue­train Mani­fest aus 1999 lehrt uns in sei­ner ers­ten These:

“Mar­kets are conversations”.

Genau SO neh­me ich Twit­ter wahr. Als öffent­li­cher Markt­platz, auf dem eben nicht nur (Wis­sen) gehan­delt wird, son­dern auch Neu­ig­kei­ten aus­ge­tauscht werden.

Eigent­lich sind das total bana­le Aus­sa­gen, aber man muss sie manch­mal wie­der­ho­len, weil vie­le Men­schen die Brü­cke zwi­schen der ana­lo­gen und digi­ta­len Welt nicht so wahrnehmen.

Ein gutes Bei­spiel hier­für sind die Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, deren Antwortverhalten/Konversationsverhalten mein Kol­le­ge Chris­ti­an Kreutz letz­tens in einem klei­nen Pra­xis­test unter­sucht hat.

Es stell­te sich her­aus, das die meis­ten gro­ßen Orga­ni­sa­tio­nen das The­ma Twit­ter (oder auch Facebook/YouTube/etc., sie­he hier­zu auch die Stu­die von Kat­rin Kie­fer) zwar irgend­wie betrei­ben, es aber nur als wei­te­ren Kanal ver­ste­hen, um ein­sei­ti­ge Pres­se­mit­tei­lun­gen her­aus­zu­schi­cken. Dies mag sicher­lich poli­ti­sche, per­so­nal­po­li­ti­sche, orga­ni­sa­to­ri­sche oder finan­zi­el­le Grün­de haben, aber es zeigt doch ganz ein­deu­tig, dass das The­ma Twit­ter & Co noch nicht über­all ange­kom­men ist.

Mei­ne ehe­ma­li­gen Kol­le­gen bei der GTZ im Bereich der nach­hal­ti­gen Sani­tär­sys­te­me haben Twit­ter mitt­ler­wei­le auch für sich ent­deckt und auch recht schnell die Vor- und Nach­tei­le von Twit­ter erkannt. Twit­ter ist zeit­in­ten­siv und bedarf einer gewis­sen Nach­hal­tig­keit, för­dert auf der ande­ren Sei­ten aber auch Kon­ver­sa­tio­nen, die sonst viel­leicht nicht mög­lich wären. Das ist ein Mehr­wert, der von mei­nen Kol­le­gen erkannt und nicht aus­ge­schlos­sen wird. Und das alles bei einem The­ma, wo offen über Din­ge wie Fäka­li­en und Urin dis­ku­tiert wird. Din­ge, die bei vie­len eher Unbe­ha­gen aus­lö­sen oder aus Des­in­ter­es­se igno­riert wer­den. Müss­te man man nicht gera­de bei solch schwie­ri­gen The­men die Diskussion(en) via Twit­ter & Co herbeiführen?

Auf bei­den Sei­ten des Rech­ners sit­zen Men­schen. Hört sich ziem­lich banal an, ist aber ent­schei­dend für Online­kom­mu­ni­ka­ti­on. Men­schen, die man errei­chen will. Oder viel­leicht auch nicht.

FireShot capture #003 - 'Twitter mareike dauert manchmal ganz schön ' - twitter com i need coffee status 13480118803

Spra­che ist näm­lich auch so ein The­ma. Ein gutes Bei­spiel sind für mich die Twit­ter­le­sun­gen, wo Tweets oft im glei­chen Stil geschrie­ben wor­den sind. Müsst Ihr mal drauf ach­ten. Ich nen­ne das die Ber­li­ner Cool­ness. Tweets, die für sich oder auf­ge­zählt wit­zig und cool (“avant­gar­dis­tisch”) klin­gen, im Gesamt­bild aber — zumin­dest für mich — vor allem auch ver­deut­li­chen, dass Twit­ter in die­sen Tweets nur die “Twit­ter ist ein PA-Sys­tem”-The­se darstellt.

Derek Sive­rs, von dem die­ses “Twit­ter ist ein PA-Sys­tem” kommt, schreibt auf sei­nem Blog aller­dings auch:

“Des­halb habe ich zwei Pro­fi­le auf Twit­ter und Face­book. Eines ist öffent­lich, für jeden. Eines ist pri­vat, nur für 20 enge Freun­de. Ich emp­feh­le das sehr.”

Wäre ich so berühmt wie er, wür­de ich es sicher­lich ähn­lich machen. In sei­nem Kon­text ist Twit­ter also ein PA-Sys­tem. Und weil ich sei­ne Blog­ar­ti­kel oft inter­es­sant fin­de, kli­cke ich dann auch auf die Links in sei­nen Tweets. Was für ihn funk­tio­niert, muss für ande­re aber noch lan­ge nicht funk­tio­nie­ren. Wenn ich Derek errei­chen will, schrei­be ich ihm eine E‑Mail.

Die Marei­ke (?) oben aus dem Screen­shot, Psy­cho­lo­gie­stu­den­tin hier in FFM, ken­ne ich nicht per­sön­lich, fin­de ihre Tweets aber inter­es­sant & fol­ge ihr bei Twit­ter. Gespro­chen haben wir noch nie mit­ein­an­der, was ich irgend­wie etwas scha­de fin­de. Immer­hin woh­nen wir ja in der glei­chen Stadt. Es ist eine ein­sei­ti­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on. Aber den­noch: Kommunikation.

Auch so funk­tio­niert also Twit­ter. Für vie­le mag das die Regel dar­stel­len — die­ses ein­sei­ti­ge Abset­zen von Mel­dun­gen ins Daten­nir­wa­na. Für mich sel­ber ist es eher die Aus­nah­me bei pri­va­ten Konten.

FireShot capture #004 - 'afritwit (afritwit) on Twitter' - twitter com afritwit

Um Kom­mu­ni­ka­ti­on geht es mir auch beim Twit­ter­kon­to @afritwit (“poo­ling all Afri­can Twit­ter users”), bei dem ich vor allem Afri­ka­be­zo­ge­ne Inhal­te von ande­ren Twit­ter­be­nut­zern auf­grei­fe, wie­der­ge­be und somit hof­fent­lich für ein bes­se­res Ver­ständ­nis des kom­ple­xen Kon­ti­nents Afri­ka bei­tra­ge — dem man mit so einem Twit­ter­kon­to natür­lich nie­mals rich­tig gerecht wer­den kann. Aber den­noch, ein Ansatz, der auf eine ganz ande­re Ziel­grup­pe abzielt und sich nicht nur aufs Wie­der­ge­ben von inter­es­san­ten Tweets ver­steht (wohl aber, im Gegen­satz zum pri­va­ten Kon­to, für die­sen Zweck haupt­säch­lich benutzt wird). Ich erwäh­ne dies hier nur als Bei­spiel, denn es ist in der Pra­xis ein rie­si­ger Unter­schied, ob man ein Twit­ter­kon­to, eine Face­book­sei­te oder You­tube­ka­nal pri­vat oder für eine Mis­si­on betreibt.

Mis­si­on. Ich glau­be mein per­sön­li­cher Grund, wie­so ich Twit­ter seit die­sen drei Jah­ren auf pri­va­ter wie auch geschäft­li­cher Sei­te nut­ze, ist der, dass ich aus die­sem gan­zen digi­ta­len Rau­schen und den vie­len, klei­nen, oft zu kur­zen Mel­dun­gen einen unheim­li­chen Mehr­wert zie­he, den ich sonst nicht, oder nur eher umständ­lich bekom­men wür­de. Dafür aber inves­tie­re ich auch ganz bewusst Zeit und Energie.

Eben­so “ent­fol­lo­we” nicht gleich jedem Nut­zer, der sei­nen Frust auf Twit­ter aus­lässt, weil mich sei­ne Recht­schreib­feh­ler ner­ven oder “ich die­sen gan­zen Müll lesen” muss. Inso­fern hal­te ich auch Din­ge wie das Ver­hält­nis “Fol­lowing” zu “Fol­lo­wers” für nicht so wich­tig. Mitt­ler­wei­le gibt es ja eine gan­ze Indus­trie, die sich mit die­sem The­ma beschäf­tigt, ran­kings her­aus­gibt und Twit­ter-Per­sön­lich­kei­ten prä­sen­tiert. Für die Brei­ten­wir­kung mag das viel­leicht rele­vant sein. Für mich nicht.

Daher mei­ne Fra­ge: nutzt Ihr Twit­ter, und wenn ja, wie? Comments, pls!

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