kurz notiert: Frankfurt

Die Stadt Frankfurt am Main mag nicht jedermans Wunschstadt und sicherlich für viele auf den ersten Blick abschreckend sein. Für mich ist FFM nach den drei Jahren von 1996-99 und jetzt das halbe Jahr seit Juni 2007 trotzdem ein Ort, der mir vertraut ist und an den ich immer wieder gerne zurückkehre. Kurz: ich fühle mich hier wohl.

Natürlich kann man FFM nicht mit Berlin vergleichen – die U-Bahnen fahren nur bis 1:30 Uhr – und nachts ist Frankfurt wie ausgestorben. Ebenso hat sie auch nicht den hanseatischen Flair wie Hamburchhh (meiner Geburtsstadt), die gemütlichen Fahrradwege wie Bremen oder Freiburg, die breiten Paradestraßen wie Minga oder gar dieses Golf-1-Cabrio-Flair wie Düsseldorf (to name a few – in diesen Städten habe ich mich zumindest mal länger aufgehalten).

In Frankfurt fallen einem Neuankömmling sicherlich erstmal die zahlreichen Trinkhallen auf, sowie diverse Obdachlose, die irgendwo ihr Henniger auf einer Bank zischen oder beim Hugendubel in Eingang schlafen. Und ja, Frankfurt ist eine krasse Stadt des Konsums, es gibt hier viele Neureiche oder solche, die sich gerne als solche ausgeben möchten. Die Zeil als Einkaufsstraße ist in der Zeit von Freitag mittag bis Sonntag übervölkert; auf der “Fressgass” gibt es während der Sommerfeste zahlreiche Blender aus der einströmenden Landbevölkerung, die ihren “style” zur Schau stellen wollen; selbst jetzt noch in 2007 erlebt man täglich Assis mit ihrer göttlichen Bewahrung des Dativs und irgendwelcher Zischlaute, deren Ursprung sicherlich im Türkischen oder Jugoslawischen zu finden ist (“Aldem, hab isch dem gemacht, weissu?”); die Eintracht kickt noch immer und freut sich über den ewigen Verlierer Offenbach (aber Offenbach geht auch echt garrrr nich!) und über allem schwebt ein Hauch von Hessen mit den üblichen Verdächtigen (Hessisch, Apfelwein, Handkäs).

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Jedoch: ich mag es hier.

Ich könnte jetzt auch noch diverse andere Dinge aufzählen, Goethe und sein Geburtshaus in der Innenstadt nennen; auf die ganzen Banken und seltsamen Leutchen in ihren schwarzen Anzügen eingehen, die morgens in ihre Büros huschen und mit dem Geld anderer Leute herumspielen; die vielen Museen am Mainufer aufzählen, die damals unter Hilmar Hoffmann gefördert wurden; den Hinweis, dass FFM “provinziell” ist (was nicht nur am Zusammenschluss einzelner Vororte liegt, die irgendwie alle auf -heim enden…); auf die vielen häßlichen Bauten im Mietskasernenstil, die von einem Hanseaten wie mir eher müde und abwertend belächelt werden (hey, Bremen hat wirklich schönere Häuser); oder gar den Ausländeranteil in der Stadt erwähnen, der in 2002 offiziell bei sagenhaften 27,6% lag (und inoffiziell sicherlich noch viel höher ist, nämlich zwischen 35-37%, gefühlt jedoch bei 60%).

Nein, Frankfurt ist deshalb schön, weil einem hier nachts selbst in der Stadt noch irgendwelche Viecher begegnen, die ich selbst in den letzten fünf Jahren aufm Land in der Lüneburger Heide bei den Spaziergängen im Wald nicht wahrgenommen habe: Mäuse, Ratten, Kanninchen.

“Home is where your heart is”. Lange habe ich mich gefragt, in welcher Stadt ich gerne leben würde, wenn ich sie mir aussuchen könnte. Diese Hassliebe, die ich zu Frankfurt pflege, rückt die Stadt auf einen dieser Plätze der lebenswerten Orte. Für mich ist diese Stadt mittleweile ein Teil meines Heimatbegriffs geworden.

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