Lieben Sie Deutschland?

Ich darf kurz festhalten:
Einem Günther Grass, der in seinem Brief an die Stadt Danzig um Verständnis für die Zusammenhänge bittet und dabei ein weiteres Mal sein gelungenes Ausdrucksvermögen unter Beweis stellt, kann ich mit einer Leichtigkeit jede Jugendsünde verzeihen – ja, sogar mit Verständnis in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg zurückblicken und die Umstände anerkennen.
Was ich aber nicht verstehen oder gar verzeihen kann, sind folgende Zustände:

Der Thematik Grass & Waffen-SS wird in den Medien so viel Inhalt gewidmet – wieso? Zur Bekämpfung des Sommerlochs? Als Genugtuung für die vielen unschuldig beschuldigten Nachkriegsgenerationsopfer, die sich seine Moralpredigten anhören durften und fast schon kollektiv der “Lieben Sie Deutschland?”-Frage aus dem Weg gehen, um nicht ins rechte Lager eingeordnet zu werden?

Ich mag es durchaus verstehen, dass meine ältere Verwandschaft, die den Krieg noch live miterlebt hat, diese Erlebnisse aufgrund des Wiederaufbaus nie richtig verarbeitet hat, es nie konnte (kann man das überhaupt?), und sich sogar mein an Alzheimer erkrankter Vater überwiegend an diesen prägenden Zeitraum der Weltgeschichte erinnern mag. Wenn er sich denn mal an etwas erinnert.

Wir schreiben das Jahr 2006 und seit dem Ende des 2. Weltkriegs ist viel passiert. Überall auf der Welt hat es große Veränderungen gegeben und auch viele weitere, durchaus vermeidbare Kriege. Als Begleiterscheinung dieser ist viel Unrecht geschehen – und es passiert auch noch heute. Täglich.

Und genau an dieser Stelle erlaube ich mir die Frage zu stellen, was dieses ständige Ermahnen, Erinnern, Hinweisen, Aufzeigen und Betroffenheitsgefühl in unserer Zeit für eine Bedeutung hat, wenn sich seit 60 Jahren so rein gar nichts, aber auch wirklich nichts zum Guten gewendet hat?
Welches Erbe dürfen wir der verloreren Nachkriegsgeneration abnehmen, dass nicht nur mit dem gelungenen Wiederaufbau des Landes zu tun hat?

Oder mit anderen Worten:

Liebe Nachkriegsgeneration,
statt ständig in der Vergangenheit zu bohren, gilt es für meine Generation, die Gegenwart und die Zukunft positiv zu beeinflussen und ein friedliches Miteinander zu erreichen. In Europa als auch auf dem Rest dieser Erde. So naiv und gewollt unpolitisch sich das auch anhören mag.
Eure ständigen Verweise auf die NS-Zeit und Hervorhebung diesbezüglicher, gegenwartlicher Geschehnisse sind mir ein Groll, da sie außer einem Mahneffekt nichts erreichen.
Wenn es Eurer Meinung nach keine Kriege mehr geben darf (zu Recht!), wieso habt Ihr dann der Bildung einer Bundeswehr zugestimmt? Was haben unsere Soldaten in der irgendwann-demokratischen Republik Kongo als Aufpasser verloren – Jahre nachdem sie dort hätten auftauchen sollen um im Verbund mit anderen friedlichen Nationen für eine Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung zu sorgen? Wieso werden unsere schwer-vermittelbaren Ossis aka wären-sonst-arbeitslose-Mittzwanziger als Berufssoldaten in Afghanistan durchgefüttert? Was bringt das? Und wie könnt Ihr Euch erlauben, ja fast schon anmaßen, auf der einen Seite über persönliche Fehltritte fehlgeleiteter Jugendlicher zum Ende des 2. Weltkriegs auch 60 Jahre danach noch zu urteilen, wenn Ihr auf der anderen Seite gleichzeitig die Entsendung/Verschwendung von deutschen Steuergeldern in die Kriesenherde dieser Welt befürwortet?
Es ist ja nicht so, dass durch die Truppenpräsenz vor Ort grundlegende Veränderungen für die Bevölkerung erreicht werden. Was also bringt so ein Einsatz? Und wer erklärt unseren Mitbürgern, dass wir lieber Gelder für die Mitarbeit in internationalen, “verteidungspolitischen” (Verteidigung vor welcher Bedrohung?) Ausschüssen verpulvern, statt es sinnvoll in die Ausbildung und Erziehung unserer Kinder stecken zu wollen?
Wieso wandern in diesen Zeiten so viele Menschen aus Deutschland aus, wenn es doch eigentlich ein so schönes Land mit guten, erprobten Tugenden ist?
Wieso bedarf es erst heuchlerischer, medienintensiver Kampagnen wie “Du bist Deutschland” oder der durchaus gut gemeinten Gesellschafter-Initiative, um ein gemeinsames Miteinander-Gefühl zu erreichen? Was habt Ihr in den 60 Jahren nach Kriegsende wirklich erreicht? Die Manifestierung des Kapitalismus und optimale Vorbereitung auf die unvermeidbare Globalisierungswelle zum Ende des 20. Jahrhunderts? Ist es das, was wir von Euch als Erbe übernehmen und verändern sollen? Und dann wundert Ihr Euch, wieso wir uns lieber eigene, kleine heile Welten bauen? Wieso wir uns so selten der gemeinsamen Diskussion stellen, wie wir als Gesellschaft zusammenleben und füreinander sorgen wollen?
Diese und andere Fragen sind es, die mir beim Lesen von Meldungen zum Fall Günther Grass und die Waffen-SS in den Sinn kommen. Eure falsche Genauigkeit, deren Inhalte doch einzig und allein die Konfliktbewältigungsunfähigen unter Euch erwärmen und unterhalten dürfte. Für mich spielt das alles keine Rolle, sofern wir daraus nichts lernen und das Erlernte nicht auch tatsächlich anwenden.

Wenn ich jetzt ab Oktober wieder in ländlicher Umgebung in Kenia, Ostafrika arbeite, werden mir wieder mit ziemlicher Sicherheit folgende Stichworte (Attribute?) nach der Erwähnung meiner Nationalität genannt werden: Hitler, Mercedes-Benz, BMWs. In dieser Reihenfolge. Ein schönes Erbe?

(==> dieses Aufzeigen macht für mich dann Sinn, wenn es so wie beim Riemersan in ironischer Weise auf “Umgangsproblematiken” hinweist – weil es gegenwartsbezogen eine Bewusstseinsveränderung bewirkt)