Berlin, Berlin…

So Mädels, eben erhielt ich nen Anruf von mei­ner Mum. Sie hat mir vor­ge­schla­gen, dass wir am 15./16. zu viert (also Schwes­ter, Nich­te, Mum und icke) nach Ber­lin fah­ren soll­ten. Ein­fach so. Muse­en abklap­pern und biß­chen guckn.

Als wenn ich als Kind nicht schon in genü­gend Muse­en mit­ge­schleppt wor­den wäre. 

Aber gut. Ich fin­de die Idee groß­ar­tig! Woh­ne ich hier doch seit nun­mehr vier Jah­ren aufm plat­ten Land in der öden Lüne­bur­ger Hei­de. Von dem WE in Ber­lin ver­spre­che ich mir biß­chen geis­ti­ges Input,  wat fürs Auge, nen schö­nen Café irgend­wo in Ruhe genie­ßen, selt­sa­me Men­schen mit schrof­fem (read: nicht-han­sea­ti­schem) Umgangs­ton tref­fen und genü­gend Anre­gun­gen, mei­ne Ber­lin-Vor­ur­tei­le biß­chen in posi­ti­ve Ein­drü­cke umzuwandeln.

Und ja, bei uns gibt es das noch — Fami­li­en­le­ben. Da pas­siert es schon mal, dass man nicht allei­ne oder mit sei­nen gleich­alt­ri­gen Freun­den irgend­wo­hin fährt, son­dern schön Fami­li­en­aus­flug macht. Fami­lie. Gibt es das heu­te noch?

Dazu muss ich ergän­zen: mei­ne Schwes­ter hat die letz­ten drei Jah­re in Ber­lin gear­bei­tet und ich glau­be in der gan­zen Zeit habe ich sie dort zwei­mal besucht. Am Anfang und gegen Ende. Hät­te sie in Ham­burg gearbeitet…hmm…ich glau­be ich wäre dann öfter vor­bei­ge­kom­men.
Wie­so ist Ber­lin die­se Haupt­stadt, in die es alle mög­li­chen Men­schen zieht, die aber auf den ers­ten Blick bei vie­len nicht so die­sen Gla­mour hat wie z.B. Ham­burg oder Mün­chen? Aaaah…München. Da war ich ja letz­tens. Woah! Es rockt. Aber SO etwas von. Und Ham­burch? Irgend­wie Hei­mat. Sozusagen.

Ich bin ein Groß­stadt­kind. Für mich gab es oft die­sen engen Hori­zont zwi­schen den Häu­ser­schluch­ten. Wenn man einen Blick haben woll­te, muss­te man aufs Land hin­aus fah­ren. Frü­her dach­te ich immer, das sei so ein alber­ner Wei­ber­kram, hier so “Zim­mer mit Aus­sicht” und so.
Was für ein Irr­tum! In Kenia habe ich das zu schät­zen gelernt. Nai­ro­bi ist eine Groß­stadt mit ca. 2,7 Mil­lio­nen Ein­woh­nern. Und doch hat man nie den Ein­druck, in den klei­nen Gas­sen einer Groß­stadt gefan­gen zu sein. Der Blick ins wei­te Land, die­ses Gefühl von Frei­heit (=Uhu­ru!) — gibt es etwas Schö­ne­res?
Ich glau­be manch­mal, dass dies einer der Grün­de ist, wie­so ich mir hier mei­nen Stu­di­en­ort so jen­seits von Gut und Böse aus­ge­sucht habe. Die Stil­le abends aufm Bal­kon, kein Hin­ter­grund­rau­schen, die per­sön­li­che Begrü­ßung im Super­markt und auch die gute Luft — alles Din­ge, die man erst rich­tig erfah­ren muss. Als Groß­stadt­kind.
Mit ein biß­chen Ver­gnü­gen höre ich oft von Leu­ten, die nach ihrer glück­li­chen, aber doch oft lang­wei­li­gen Kind­heit aufm Land irgend­wann den gro­ßen Schritt in eine Groß­stadt gewagt haben und sich dort nun eine neue Exis­tenz auf­bau­en. Ja, kann ich ja auch ver­ste­hen. Die nächs­te Stadt hier heißt UEl­zen — und hat unge­fähr den Charme eines Finanz­amts. öde. Lang­wei­lig, staub­tro­cken und trä­ge. Für mich zumin­dest. Wie­so? Weil sehr sehr vie­le jun­ge Men­schen in mei­nem Alter (d.h. zwi­schen 20 — 40) nachm Abi direkt in eine ande­re Stadt gezo­gen sind. Es gibt hier sogar die­se sto­ry von einem afri­ka­ni­schen DAAD — Stu­den­ten, der ganz auf­ge­regt von der Tele­fon­zel­le vorm Super­markt im Dorf die Uni anrief und nach­ge­fragt hat, wo denn “down­town” sei. Ha! Ham­wa nich… 

Frau Kikuyum­bu­zi hat­te recht, letz­tens, als sie mir nahe­leg­te, doch mal wie­der öfter zu ver­rei­sen. Man macht es sich so gern bequem, und für ein wirk­li­ches Wei­ter­kom­men war ich bis­her immer der Mei­nung, dass die Rei­se vor allem zuerst im Kopf los­geht und die geo­gra­phi­sche Orts­ver­än­de­rung gar nicht so ent­schei­dend ist.  Auch das ein Irr­tum. Manch­mal bedarf es ein­fach einer Orts­ver­än­de­rung, um auf ande­re Gedan­ken zu kom­men. Ich ver­ste­he es als Inspi­ra­ti­on. Weni­ger befrie­di­gend ist aber der Gedan­ke, stän­dig nur her­um­zu­rei­sen, und nicht irgend­wo sein Basis­zelt auf­zu­bau­en. So wie ande­re in die­sem Land. Ande­re, die sich nie­mals vor­stel­len könn­ten, ihren Bau­spar­ver­trag und ihr früh­zei­tig gesi­cher­tes Bau­grund­stück gegen ein Norma­den­le­ben ein­zu­tau­schen. Die lie­ber an einem Ort ver­blei­ben und sich vor allem dort wohl füh­len. Selbst­ver­ständ­lich auch ohne Bau­spar­ver­trag.
Anders dage­gen wenn man als Kind wie vie­le mei­ner Lese­rIn­nen hier als sog. third cul­tu­re kid stän­dig unter­wegs war und gar nicht erst gefragt wur­de, ob man alle paar Jah­re sei­nen Wohn­ort, sei­ne Freun­de und sei­ne gewohn­te Umge­bung mit allen ihren Wer­ten ver­las­sen möch­te. Manch­mal hat man gar kei­ne ande­re Wahl und lernt es, die Din­ge zu akzep­tie­ren. Man lernt, mit ande­ren Men­schen zurecht zu kom­men, auf­ein­an­der zu zu gehen und irgend­wann gewöhnt man sich auch an die­sen Rhyth­mus des stän­di­gen Wech­sels. So auch ich. Sobald ich hier mei­nen Abschluss habe, wer­de ich wie­der umzie­hen und wer weiß was dann kommt? Es wird aber auf jeden Fall anders als erwar­tet kom­men, und dass ich hier wie­der weg­ge­he, ist auch ein­deu­tig. Und genau die­se Frei­heit, die­se Mög­lich­keit, sich den Ver­lauf des eige­nen Lebens stän­dig neu aus­su­chen zu kön­nen — das ist doch schon sehr wert­voll. Ob ich die Frei­heit nut­zen wer­de, ist noch­mal ne ande­re Fra­ge. Das Ziel liegt aber für mich nicht dar­in, stän­dig die­sen Frei­raum zu schaf­fen, son­dern aus den vor­han­den Umstän­den das Bes­te zu machen.

Wie kom­me ich auf die­se The­ma­tik? Über Ber­lin. Weil sie eine Groß­stadt wie vie­le ande­re ist, in die Men­schen mit ihren Träu­men zie­hen. Weil sie Mög­lich­kei­ten bie­tet. Weil sie ein Zusam­men­le­ben ermög­licht, mit all den Vor- und Nach­tei­len, den täg­li­chen Her­aus­for­de­run­gen und vor allem auch den klei­nen Details. Genau die­se klei­nen Details, die man im Vor­bei­ge­hen irgend­wo ent­deckt und am liebs­ten aus­schnei­den und in sein per­sön­li­ches Poe­sie­al­bum kle­ben möch­te. Oder über die man bloggt.
In den letz­ten Tagen war ich auf eini­gen Blogs im Inter­net unter­wegs — und ich mei­ne behaup­ten zu kön­nen, dass davon ca. 3/4 aus Ber­lin oder ande­ren Groß­städ­ten stam­men. Ist das jetzt Absicht? Ist es so, dass vor allem die Groß­stadt­men­schen blog­gen und die aufm Land ganz anders drauf sind? Es zeigt sich allei­ne schon an der ver­wen­de­ten Spra­che. Kur­ze, sty­li­sche Sät­ze. Kei­ne lan­gen Roma­ne wie jetzt die­ser Text hier, son­dern kur­ze Rand­be­mer­kun­gen. Inter­es­sant. Auch unter­halt­sam. Wer liest schon ger­ne?
Fast so kurz wie die Wort­fet­zen, die man aufm täg­li­chen Weg von der Arbeit in den U‑Bahnen die­ser Welt auf einem flüch­tig vor­bei­zie­hen­den Pla­kat liest, die sich ein­prä­gen und die Spra­che prä­gen. Das alles ist Kul­tur für mich. Die­se gro­ße bun­te Mischung aus einer Amè­lie — Welt, aus der wir uns unse­ren Mikro­kos­mos bau­en. Die­se klei­ne Welt, in der wir Erin­ne­run­gen, Ein­drü­cke und Erfah­run­gen zu einem gro­ßen Bild zusam­men­fü­gen. Und es spielt dabei kei­ne Rol­le, ob man dafür in einer hek­ti­schen Groß­stadt lebt, oder aber abge­schie­den aufm Land. Kopfkino. 

Wenn jemand gute Tipps für Ber­lin hat und meint, dass ich da eini­ge Din­ge ganz spe­zi­ell nicht ver­pas­sen soll­te, freue ich mich natür­lich IMMER über Kom­men­ta­re. Das betrifft auch die stil­len Mit­le­se­rIn­nen, die mir dann hin­ter­her zuflüs­tern: “Du, schön was Du da geschrie­ben hast, aber ich wuss­te gar nicht mehr was ich dazu sagen soll­te… (?)”. Viel­leicht hat Euch die­se klei­ne, per­sön­li­che Reflek­ti­on zum WE einen Grund gege­ben, dies kom­men­tie­ren zu wol­len. Es wür­de mich zumin­dest sehr freuen. :-)

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