Overlay SIM für mobile Bankgeschäfte

Während wir in Deutschland auf die ultimative Lösung bei mobilen Bezahlsystemen warten und immer wieder die Datensicherheit in Frage stellen, macht man sich in anderen Ländern diesbezüglich weniger Sorgen. Sorgen um die Manipulierbarkeit eines ohnehin schon wackeligen Mobilfunksystems, dessen Sicherheit für eine größere Kundenzufriedenheit und niedrigere Gebühren bereitwillig geopfert wird. Bedenken gibt es da höchstens seitens der Politik, die hier gierig die Hand auf hält und eine Einnahmequelle sieht.

73% Martkanteil
Der zur Vodafone-Gruppe gehörende kenianische Mobilfunkanbieter Safaricom hat mit seinem in 2007 eingeführten mobilen Bezahlsystem M-Pesa einen Marktanteil von derzeit 73%. Ein breites Händlernetz (das anfangs aufwendig und kostenintensiv geschult werden musste) erlaubt dabei jederzeit, die virtuellen Guthaben gegen eine Gebühr in Bargeld einzutauschen. M-Pesa als Marktführer ist somit nicht einfach nur ein etabliertes Bezahlsystem, sondern beflügelt eine ganze Wirtschaft, die aufgrund umständlicher Transaktionsmöglichkeiten früher so nicht stattfinden konnte. Allerdings sind die Transaktionsgebühren relativ hoch und liefern immer wieder Grund zur Kritik.

Safaricom SIM

Eine alte Safaricom SIM-Karte ohne M-Pesa Toolkit auf einem 50/= Kshs. Geldschein.

Technisch läuft das Verfahren so ab, dass sich auf der SIM-Karte ein programmierbarer Bereich befindet, der für diese Bezahlfunktion genutzt wird. Wir kennen diese Funktion auch bei den SIM-Karten in Deutschland: dieser Menüpunkt vom jeweiligen Anbieter, bei dem man sich das aktuelle Wetter, die Lottozahlen oder Horoskope aufs Handy schicken lassen konnte und was wohl nie richtig genutzt wurde (~ der letzte Menüeintrag bei den alten Nokia Handys). Diese Funktionalität direkt in der SIM-Karte wurde dann seinerzeit für die Bezahlfunktion umprogrammiert und in Kenia als M-Pesa eingesezt. Als Kunde musste man dafür seine SIM-Karte beim Servicecenter gegen eine mit so einem umprogrammierten Speicherbereich eintauschen. Trotzdem, und auch in Ermangelung sinnvoller Alternativen wurde M-Pesa alsbald so erfolgreich, dass Safaricom fortan den Markt damit beherrschte und das System (mit all seinen Sicherheitsrisiken) lange Zeit als Vorzeigesystem gehandelt wurde. Meine letzten Zahlen dazu stammen aus 2010 und waren Teil eines Vortrags über AfriGadget und die Techsphere in (Ost)Afrika beim Webmontag Frankfurt:


(ab Folienseite 68, btw – aktuellere Zahlen gibt es beim Vodafone Institute for Society and Communications in einem sehr schönen Report von Julia Manske. Interessant, und deshalb habe ich auf diese alten Folien verlinkt: das System war schon in 2010 komplett etabliert und sehr erfolgreich.)

Man darf auch nicht vergessen, dass vorher schon Prepaidguthaben (“airtime”) über USSD-Code zwischen den Handys verschickt werden konnte. Das ist etwas, was in Deutschland selbst bei virtuellen Anbietern (MVNO) wie Lycamobile nur ins Ausland möglich ist. Ich kenne die Gründe hierfür leider nicht, wahrscheinlich gibt es auch hier Sicherheitsbedenken oder andere, regulative Vorgaben.

Bänker aufwecken
Safaricom geriet seinerzeit völlig unvorbereitet in diese Rolle einer Bank, die sie mit ihrem System quasi über Nacht geworden waren. Selbstverständlich dient M-Pesa inzwischen auch als Kundenbindungsmaßnahme – einen besseren Grund gibt es wohl nicht, seinem Systemanbieter treu ergeben zu bleiben.

Die sehr einflussreiche und kundenstarke Equity Bank Kenya möchte ihren eigenen Anteil am großen Kuchen der Transaktionsgebühren haben und köderte ihre Kunden bisher über eine Zusammenarbeit mit einem anderen Mobilfunkanbieter, wo man eigene Bankingmöglichkeiten anbot. Inzwischen haben alle großen Mobilfunkanbieter in Kenia ihre eigenen mobilen Bezahl- und Sparsysteme am Markt. Alleine: man braucht für deren Nutzung jeweils eine eigene SIM-Karte. Wie überall auf der Welt, möchte man auch in Kenia seiner Mobilfunkrufnummer treu bleiben – die eigene Rufnummer ist auch immer ein Stück weit Identität; eine Individualisierungsoption, die auch an Apps wie WhatsApp gebunden ist.  Das ist dann mitunter auch ein Grund dafür, wieso Handys mit Dual-SIM-Funktionalität in diesen Ländern so populär sind (selbst die kostengünstigen China Androiden sind fast alles DualSim-Geräte).

Bei der Equity Bank ist man sich dieses Umstands natürlich bewusst und hat jetzt die Einführung eines neuen Systems (“Thin Sim”) angekündigt, das Geldgeschäfte über die Equity Bank mit jeder SIM-Karte erlauben soll. Technisch gesehen wird hier über die bereits existierende SIM-Karte eine nur 0,1mm dünne Folie geklebt, die die Kontakte der SIM-Karte durchschleift und über eine integrierte Schaltung den kompletten Datenverkehr zwischen der SIM-Karte und dem Handy kontrollieren und beeinflussen kann. Statt die Bezahlfunktion also in einem relativ gekapselten Bereich auf der SIM-Karte ablaufen zu lassen, wird diese Funktionalität im wahrsten Sinne des Wortes auf die SIM-Karte geklebt und dort abgewickelt.

Die Technik nennt sich auf Englisch “Overlay SIM” und wird hier mal am Beispiel des Anbieters BiBiTel demonstriert. Das System mit den SIM-Kartenadaptern kennen wir eigentlich auch schon seit einigen Jahren, beispielsweise als die ersten USA-iPhones noch über solche Adapterkarten freigeschaltet werden mussten oder eine Dual-SIM-Kartenfunktionalität über zwei zurechtgeschnittene SIM-Karten erreicht werden konnte, die dann beide in so einen SIM-Kartenadapter gesteckt wurden. Populär wurde dieses System mit den dünnen Klebefolien aber erst in China, wo es aufgrund unterschiedlicher Roaminggebühren für die verschiedenen Provinzen einen Bedarf zu mehr integrierten Systemen gab, so dass man auf Reisen nur noch ein Gerät mit einer SIM-Karte brauchte.

Die Equity Bank Kenya ist übrigens auch genau die Bank, die landesweit Filialen betreibt (wo die staatliche Bank kläglich versagt hatte) und deren Geschäftsführer in der Vergangenheit öfter nach England und die USA gereist sind, um die dortige Diaspora von Investitionen in Kenia zu überzeugen. Man versteht sich also auf Geldgeschäfte und möchte diese ganze Bandbreite an Remittanz-Zahlungen möglichst gewinnbringend bündeln. Geldtransfers in die Heimat also – das ist ein riesiger Geschäftsbereich, der margenintensiver erscheint als die Abwicklungen kleinerer, lokaler Zahlungen.

Vertrauen!
Die GSM Association (GSMA) ist sich dieser Technik der Overlay SIMs und der damit verbundenen Manipulationsmöglichkeiten natürlich bewusst, verlinkt online aber nur eine zweiseitige Sicherheitseinschätzung, die das System abstrakt beschreibt und mögliche Gefahrenquellen auflistet. Kurz: wer sich so eine Folie auf die SIM-Karte klebt, erweitert damit seine Risiken. Es wird allerdings auch auf den disruptiven Charakter dieses Systems hingewiesen, das tatsächlich den kompletten Funktionsumfang herkömmlicher SIM-Karten unterwandert und erweitert.

Möchte man vor diesem Hintergrund tatsächlich Bankgeschäfte über eine modifzierte SIM-Karte tätigen? Und auch dann, wenn die Kreditkartendaten beim Anbieter hinterlegt sind?

Mit der Sicherheit hat man es in Kenia mobilfunktechnisch noch nie so ernst genommen, insofern darf der technische Ansatz nicht wirklich verwundern. Fragwürdig erscheinen da jetzt eher die plötzlichen Nachfragen der kenianischen Parlamentsabgeordneten, die ein Mitspracherecht anzeigen (und damit eigentlich einen Anteil am Geschäft haben möchten).

Über den Einsatz dieser Technologie in Kenia wird wohl in den kommenden Tagen entschieden werden, und meine persönliche Einschätzung ist, dass es dann weniger um Risikobedenken gehen wird, sondern eher um eine Verteilungsgerechtigkeit.

Während wir uns hier also gerade an der Integration von NFC in den neuen iPhones erfreuen und endlich auf einen Durchbruch der Bezahlsysteme hoffen, wird die gesamte Bezahlthematik in anderen Ländern einfach mal komplett anders aufgezäumt: wenn das System ein Problem bereitet, hacken modifzieren wir es uns soweit, dass es passt. Hauptsache jeder bekommt seinen Anteil vom Kuchen.

Infopost

Infpost

Heute Morgen bekam ich Post von meiner Bank, die mir meine neue Magnetstreifenkarte als Infopost zugeschickt hatte. Die reinen Entgeltkosten für Infopost-Briefe betragen 0,28 EUR für den Absender und neben dem Frankierungscode befindet sich der Aufdruck “Infopost”. Dies ist natürlich günstiger als ein normaler Brief (0,60 EUR), wobei Großkunden sicherlich noch einen anderen Preis in Rechnung gestellt bekommen würden.

Für mich ist Infopost primär Werbung. Die Deutsche Post AG sieht das übrigens auch so (“Infopost national – effiziente Produktwerbung per Mailing“) und bewirbt diese Beförderungsmethode in Zeiten privater Konkurrenz auch dementsprechend intensiver. Aus sicherlich historischen Gründen ist es so, dass viele Empfänger den Schreiben mit einem “Infopost”-Aufdruck keine Priorität einräumen. Ich kenne in meinem Bekanntenkreis einige Personen, die diese Schreiben ungeöffnet und ungelesen direkt wegwerfen. In Zeiten ungefragter Postwurfsendungen und einer Reizüberflutung durch Angebote ist dieses Vorgehen aus Kundensicht nur verständlich, wenngleich auch nicht sehr empfehlenswert. Ich kann daher nur dringend raten, jede persönlich adressierte Postsendung zu öffnen und den Inhalt zu beurteilen. Die Maxime bei vielen Unternehmen heißt doch immer wieder “Gewinnmaximierung durch Kostenreduzierung”, daher sollten sich auch die Verbraucher auf diesen Umstand einstellen. Auch wenn es eigentlich nicht ganz ok ist.

Wieso? Weil ich bei meiner Online-Recherche und der anschließenden Diskussion bei Twitter…

…auf einen Artikel bei der Wirtschaftswoche aus 2011 stieß, der genau diese neue Vermarktungsstrategie bei der Post hinterfragt:

Auch Datenschützern ist die Praxis ein Dorn im Auge. So verschickt die Postbank EC-Karten als Infopost und begründet dies mit „betriebswirtschaftlichen Entscheidungen“. Der zuständige Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit (LDI) in Nordrhein-Westfalen macht dahinter große Fragezeichen. „Nach den Datensicherheitsanforderungen des Bundesdatenschutzgesetzes sind Daten auf ihrem Transport vor unbefugtem Lesen zu schützen“, erklärte der LDI auf Anfrage der WirtschaftsWoche. „Dieser Sicherheitsanforderung würde bei dem Versand per Infopost möglicherweise nicht ausreichend entsprochen.“ Bei Bankdaten, wie sie regelmäßig auf einer Bankkarte aufgebracht sind, ist dies „besonders kritisch“. (Quelle)

Dieser Aussage zu Folge ist der Versand von solchen Karten also zumindest datensicherheitstechnisch noch nicht geklärt. Ich weiß allerdings nicht, wie es sich damit in 2014 verhält und ob hierfür inzwischen eine verbindlichere Aussage existiert. Wahrscheinlich ist es weiterhin so schwebend.

Weiterhin heißt es in dem Artikel übrigens:

Dass die Unternehmen und die Post dabei sowohl sich selbst als auch sich gegenseitig etwas vormachen, zeigt ein Blick in die Geschäftsbedingungen für die Infopost. Danach dürfen Post-Mitarbeiter Infopost-Briefe ausdrücklich öffnen, um die „Einhaltung der Inhaltsgleichheit zu überprüfen“ – ein absurder Passus bei Sendungen wie Versicherungskarten, die individueller nicht sein können. (Quelle)

Ich sehe die Ursache primär bei der Deutschen Post und ihrer Strategie, aber auch bei den Unternehmen, die sich mit solchen Methoden das Vertrauen der Kunden verspielen. Überhaupt, das Vertrauen. Können wir als Kunden den Unternehmen noch vertrauen?

Von der Deutschen Bahn erhielt ich meine aktuelle Bahncard letzens übrigens auch als Infopost. Seufz.

re: Fußball #sge

Fußball war mir früher egal. Bespaßung für die Massen war das für mich. Brot und Spiele für die Bevölkerung, die unterhalten werden muss. Bestenfalls ein Event, das die Menge vereint, aber ohne weiteres Begeisterungsgefühl. “Interessierst Du Dich für Fußball?”, frug mich der Kollege damals in der Ausbildung. “Nein”, antwortete ich wahrheitsgemäß, woraufhin sich der Kollege desinteressiert abwendete. Allerdings war der als Maintaler auch Bayern München Fan und daher sowieso irgendwie suspekt. Nein, also dieser Fußball mit seinen ulkigen Fans und dem ganzen Zauber drumherum – es interessierte mich nicht sonderlich.

Heute sehe ich das etwas differenzierter.

“In der Saison 93/94 war ich bei jedem Heimspiel dabei”, schrieb mir KPT letztens aus Taiwan. “Über den Sohn vom Trainer sind wir damals günstig an Karten gekommen, 5 DM das Stück. Ich habe da jedes Spiel mitgenommen.” Das hätte ich seinerzeit auch mal machen müssen. Einfach mal rechtzeitig ins Stadion gehen und diesen Fußball erleben, der mir so jahrelang egal war. Wahrscheinlich lag es daran, dass wir damals im Ausland gelebt haben oder mein Vater ebenso wenig Interesse für diesen oder überhaupt einen Sport aufzeigen konnte. Ich bin sehr nach ihm geraten, wir interessierten uns für die Kunst, weniger für Leibesertüchtigungen. Dabei ist Fußball sogar ein großartiges Mittel zur Völkerverständigung und der ultimate ice breaker für jede Konversation. Allein – das Interesse fehlte.

Wenn man Fußball nur aus dem Fernsehen kennt, kann auch keine richtige Freude aufkommen. Man muss da schon ins Stadion gehen und diesen Vibe spüren. Ich musste erst 38 Jahre alt werden, um auf Twitter diesen Wunsch zu einem Stadionbesuch zu äußern, der mir einen ganz wunderbaren Besuch bei der Partie Werder Bremen vs. Eintracht Frankfurt bescherte. Nochmals vielen Dank an @penn_y_lane, die schon als Kind zur Eintracht mitgenommen wurde. Überhaupt, die Eintracht. Die Sportgemeinde Eintracht Frankfurt von 1899 e.V..

Über meine Zufriedenheit mit Frankfurt schrieb ich ja bereits. Frankfurt ist mit seinem hohen Ausländeranteil ein willkommener Ort für alle diejenigen, deren Heimatverständnis mehr ein Erleben der Gegenwart ist, als die bedingungslose, hereditäre Treue zu einem Ort (so gesehen wäre ich vielleicht sogar gebürtiger geborener Hamburger, aber der HSV?! Lotto King Karl, ok, aber der Rest? Dann schon viel eher Werder Bremen.). Bei einer Stadt wie Frankfurt also ist es nur folgerichtig, dass die Eintracht Frankfurt aus meiner Sicht so ein schönes Sammelbecken für Frankfurter ist. Beim Spiel gestern saß ein Haufen Japaner neben uns. Für mich ist das ein ganz wunderbarer Grund, ins Stadion zu gehen.

Waldstadion

“Die Eintracht, da ist jeder willkommen!”. So oder so ähnlich erzählten es mir Bekannte bereits im Vorfeld, und das sagen die Fans wahrscheinlich bei jedem Verein. Ausgehend von der bunten Mischung an Fans kann ich dem auch nur zustimmen, wobei mich ein Besuch im sehr einheitlichen Fanblock jetzt auch sehr reizen würde. Womit ich zu meinen Likes und Dislikes komme:

Was ich mag:
Den Mannschaftssport. Keine Einzelkämpferleistung, sondern ein Miteinander und schöne Pässe. Spieler, die als Team auftreten und dynamisch die Lücken füllen, ohne vom Trainer dazu verdonnert zu werden. Das Fair Play, also die professionelle Haltung beim Spiel, die dieses Miteinander über den Kampf stellt. Das ist mir wichtiger als ein siegreiches Spiel. Tore finde ich nett, sehe sie aber eher als Garant für interessante Sponsoren.

Die Atmosphäre im Stadion. Du sitzt oder stehst auf der Tribüne und siehst da unten so kleine Figuren herumlaufen, hast einen besseren Überblick als die Spieler und denkst Dir die ganze Zeit: “Los jetzt!” oder “Raaaaaaan!!” oder “gib doch mal ab!” oder so Zeugs. Klugscheißergalore, wenn mir selber nach 100m die Puste ausgehen würde, aber trotzdem ist das geil. Sehr geil sogar. Sport live erleben, und das habe ich jetzt endlich gelernt, ist nochmal eine andere Liga als es immer nur passiv über einen Filter (i.e. TV) zu konsumieren. Wahrscheinlich wäre ein Partie Tennis live auch erträglicher.

Die Sprache. Einmal bei 11 Freunde vorbeischauen, alles querlesen und sich ob des Geschwafels erfreuen, das aber trotzdem vieles ganz genau beschreibt. Typen, die im Fernsehen stundenlang über den Sport reden. Früher war mir das sehr suspekt. Wie können die das nur ewig bequatschen? Haben die da selber mitgespielt oder auch nur (so wie ich) im Stadion mitbekommen? Überhaupt, ständig wird über irgendwelche Spielertransfers gesprochen und Siege hier und Führung dort. Über die Pässe und das Miteinander wird da gefühlt weniger gesprochen. Ist das wahr?

Die Erholung. Wie im Auge eines Tornados, so empfinde ich die 90 Minuten + Halbzeit im Stadion. Die pure Erholung. Natürlich fiebert man beim Spiel mit, aber ansonsten bin ich die Ruhe in Person während des Spiels. Volle Konzentration, aber ohne angestrengt zu sein. Wenn mich jetzt jemand fragt, ob ich mit zum Spiel kommen möchte, sehe ich da in erster Linie die geistige Erholung. Für mich ist das wie Meditation. Sehr, sehr erholsam. Sehr.

Die Strategie. Ein Land, das sich aktiv um eigene Nachwuchsspieler kümmert und aktiv aufbaut. Das mit einer U19-Mannschaft Erfolge einfährt und lieber selber etwas fördert als sich Potential aus dem Ausland einzukaufen.

Eintracht!

Was ich nicht so mag:
Die Preise. Beim letzten Spiel wurde ich eingeladen (thx!), denn auf Dauer könnte ich mir den Spaß nicht leisten. Diese ganze Kommerzialisierung von den Fanutensilien (Trikotpreise!) über die Eintrittskarten bis hin zur Abzocke bei der Verpflegung ist total ätzend. Natürlich ist es logistisch eine große Erleichterung, wenn alle nur noch mit Prepaidkarten bargeldlos bezahlen und bei jedem großen Spiel die Fans kontrolliert hin- und weggeleitet werden, aber irgendwie kommt man sich da auch wie dummes Vieh vor, das möglichst nur konsumieren und gute Stimmung machen soll. Wirklicher Freiraum sieht da doch anders aus.

Manche Fans erfüllen wirklich alle Klischees hinsichtlich des typischen Hessen. Also FFH-Radiohörer, Onkelz-Fan (“Gehasst, vedammt, vergöttert” – fand ich als 18jähriger in Kenia auch mal gut) und allgemein Anhänger irgendwelcher Sprüche, die auch gerne als Wandtattoos oder als Lebensweisheiten auf der FB-Pinnwand verewigt werden. Wenn man diese Klischees bedient haben möchte, wird man hier fündig. Obwohl die Sprüche auf den Fanschals schon wieder witzig sind und Frankfurt dieses Image eigentlich noch viel weiter ausbauen müsste (“Hauptstadt des Verbrechens”). Überhaupt, Fußballfankultur ist eine Welt für sich und ich kann/darf es eigentlich gar nicht beurteilen. Als Neuling nimmt man dieses Bild aber oft als erstes wahr, und daher habe ich jetzt auch so lange gebraucht, um zum Fußball zu finden.

Was gar nicht geht: der Spruch “aus eigener Kraft” beim FSV. Welcher Kommunikationsberater hat sich diesen Mist ausgedacht? Aus wessen Kraft denn sonst? Aus fremder Kraft? WTF? Die haben eh schon so wenige Fans beim FSV, und dann so nen Vorstoß. Ich wohne direkt am FSV-Stadion und muss mir diesen Mist jetzt öfter anschauen. Oh man.

Die ständige Regulierung. Wahrscheinlich muss ich mal richtig in den Fanblock abtauchen und ein Spiel aus deren Sicht erleben, aber irgendwie kommt es mir so vor, dass man in Deutschland alles nur in geordneten Verhältnissen zelebrieren darf. Das scheint wohl auch ein Grund zu sein, wieso es dann bei den Fans zu solchen scheinbar starken Sprüchen kommt, die einerseits Dinge wie Stärke, Loyalität oder Leidensfähigkeit demonstrieren sollen, und andererseits aber nur das erlaubt wird, was der Sponsor abgesegnet hat. “Fanbanner bitte nur in der Halbzeit”, oder so. Hier würde ich gerne mehr von dem sehen, was die Fans wirklich fühlen. Nicht nur das was der Sponsor oder der Club als massentauglich empfindet. Dann kann man sich auch die vielen Sprüche sparen, die eher peinlich wirken weil so gekünzelt. Auf der anderen Seite lebe ich aber auch fernab der Helene-Fischer-Welt und kann keinen einzigen Schlager mitsingen, insofern habe ich da wohl auch einen anderen Anspruch. Aber dennoch: ich würde die Fans gerne mehr das rauslassen sehen, was sie fühlen. Und Vereine, denen diese Fankultur wichtiger ist als jetzt familientaugliches Wochenendentertainment.

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So egal wie früher ist mir Fußball jetzt also nicht mehr. Ich schaue genauer hin, wenn über Spiele berichtet wird und erfreue mich ob der puren Erholung während des Spiels. Es ist eine Welt für sich, allerdings mit geringer Einstiegshürde und globalem Interesse. Ich musste erst etwas älter werden, um diese Form der Unterhaltung für mich als gut zu empfinden. Ich kann jetzt auch die Groundhopper besser verstehen, die einfach guten und vielseitigen Fußball sehen möchten. Wenn das nicht so anstrengend wäre, könnte ich mich vielleicht sogar dafür begeistern.

10 Jahre Frankfurt

Pünktlich zum achtjährigen Blogjubiläum habe ich gemerkt, dass ich jetzt – zusammengerechnet, also mit Unterbrechungen – insgesamt 10 Jahre lang schon in Frankfurt am Main wohne. So lange war ich noch nie an einem Ort sesshaft.

Frankfurt - mein Zuhause

Das sind 10 Jahre, in denen ich nicht nur einen Geschmack für guten Apfelwein oder leckere Grüne Soße entwickelt habe, sondern auch wirklich aktiv an einem Ort angekommen bin. Aktiv im Sinne meiner Mitarbeit bei schönen regionalen Projekten wie Frankfurt Gestalten, dem Webmontag Frankfurt oder der TEDx Rhein-Main und einem immer stärker werdenden Verständnis der gesamten Region und ihrer Menschen.

Dazu gehört nicht nur mein erster Besuch im Fußballstadion (ironischerweise die Eintracht gegen Werder – thx @penn_y_lane!), sondern auch dass ich meine universitären und beruflichen Aktivitäten seinerzeit in Frankfurt gestartet hatte. Für jemanden, der im Ausland aufwächst und als Deutscher das eigene Land immer wieder neu entdecken muss (manchmal würde ich gerne “mit Migrationshintergrund” dazuschreiben), ist Frankfurt am Main eine der besten Städte. Frankfurt ist zentral gelegen, hat einen internationalen Flughafen, man kann auch mal Englisch sprechen, es gibt hier bei all der hessischen Schnotterigkeit viele tolle Menschen mit interessanten Ideen und auch genügend Subkultur, die sich nicht hinter dem ersten Eindruck der Konsumkultur in der Innenstadt verstecken muss. Dies gilt nicht nur für Frankfurt, sondern eigentlich für die gesamte Region des Rhein-Main-Gebiets. Eine ideale Ausgangslage also für Zugewanderte, die sich hier ein Stück Heimat – oder ein Zuhause – aufbauen wollen oder müssen.

Welche Städte kommen denn in Deutschland (für diesen Zwecke) sonst noch in Frage? Hamburg? Berlin? Und: die angesprochene Internationalität Frankfurts würde ich jetzt nicht durch die so oft fotografierten Wolkenkratzer begründen wollen – es sind ja immer die Menschen, die den Unterschied ausmachen. Eine lokale Kultur, die gutes Essen schätzt und Geselligkeit in den Vordergrund stellt, kann doch nicht so verkehrt sein und bietet eine gute Ausgangslage für vieles mehr. Das habe ich woanders auch schon viel schlechter erlebt.

Natürlich habe ich auch Freunde aus dem norddeutschen Raum, die einen Besuch in Frankfurt mit einem “Bäh, furchtbare Stadt!” abtun. Ebenso hat die Stadt wohl nicht so viele historisch interessante Sehenswürdigkeiten zu bieten, wie ich es aus anderen Städten gewöhnt bin. Allerdings: Frankfurt lebt dadurch mehr in der Gegenwart, und das Bild der Stadt ändert sich ständig – ich erinnere nur an den Zustand des Mainufers in den 90er Jahren und wie es heute ausschaut. Ich habe wohl auch noch nie in einer Stadt mit so viel – ich nenne es: – institutionalisierter Kultur gelebt. Wer das Angebot braucht: in Frankfurt gibt es fast alles für ein passives Konsumieren.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch weitere 10 Jahre in Frankfurt leben werde, oder mein Leben an dieser Stelle nochmal in eine andere Richtung drehen sollte. Arbeitstechnisch hatte ich es mir bisher so eingerichtet, mit Internetanschluss alleine als digitaler Nomade unterwegs sein zu können bzw. nicht auf einen Ort angewiesen zu sein. Reisen bildet und ist wichtig, aber im Idealfall würde ich gerne in einem Generationenhaus vor den Toren der Stadt wohnen, mit Hund und Kombi – wer will das nicht? Für genau diese Ausgangssituation allerdings – diese ständige Bereitschaft zum Verreisen, so wie man es als ATCK gewohnt ist, dafür ist Frankfurt die ideale Ausgangsbasis. Und ich glaube, dass es vielen so ergeht. Mit der Zeit wandeln sich die Reisewünsche immer mehr in Argumente, die eigene Komfortzone nicht verlassen zu müssen. Und spätestens dann ist man in der Stadt angekommen.

noreply@becauseeffyouthatswhy.DE

Im Juli 2013 schrieb ich folgenden Tweet:

…bei dem es um dieses unbeschreiblich dämliche Verhalten vieler – gewinnorientierter – Firmen geht, die bei Neu- und Systemmeldungen ihren Benutzern eine E-Mail mit einem “noreply@” im Absender zukommen lassen.

“Schön dass sie mit uns Geschäfte machen wollen, aber an ihrer Antwort / Meinung / Rückfrage haben wir kein Interesse.” – so, und nur so liest sich so eine noreply@-Adresse für mich.

An diesem Zustand hat sich auch jetzt in 2014 immer noch nicht viel geändert, und ich kann mir einfach nicht erklären, woran das liegt. Die Leute, die das zu verantworten haben – die denken doch auch logisch und müssten doch bei ihrer Systemplanung zumindest einmal an die Kundensicht denken. Oder?

Was ich mir stattdessen wünschen würde:

service@
weloveyou@
wirsindfuersieda@
mueller@
chef@
kontakt@
mail@
schreibensieuns@

usw.. Ist es denn wirklich SO schwer?