Gesang zwischen den Stühlen

Der folgende Blogbeitrag ein „Gesang zwischen den Stühlen”, in Erinnerung an Erich Kästner, dessen Werke öfter gelesen werden sollten. 

Letzens saß ich bei der Kollegin in der Küche, die ihr Leben lang im gleichen, alten Pfarrhaus in Frankfurt-Bockenheim aufgewachsen ist, ja sogar dort geboren wurde. In ihrer zusammengewürfelten Küche standen alte Stühle, keine besonderen Möbelstücke, aber doch bequem. Bequemer auch als die Esszimmerstühle von Ikea, die ich hier einige Zeit nach dem Einzug türkisfarben angemalt hatte.

Stühle
Links einer der neuen Stühle, rechts zwei alte (die ich auch mal mit einem kenianischen Stoff bezogen hatte).

So lag ich dann abends in meinem Bett und scrollte aus Langeweile durch die eBay Kleinanzeigen. „Man könnte ja mal schauen”, was es so an gebrauchten Stühlen auf dem Gebrauchtmarkt gibt. Irgendwie hatte ich nämlich die fixe Idee, die einfachen Esszimmerstühle von Ikea durch ein paar alte Stühle auszutauschen. Alte Stühle, die ich dann aufarbeiten könnte – so wie ich es in der Vergangenheit nämlich auch schon mit anderen Stühlen gemacht hatte. Aber für mich selber bisher erst 2x und auch erst in den letzten beiden Jahren.

Siehe unten: Einen Sessel für den Flur und einen Klavierhocker. Den Sessel holte ich im Frankfurter Nordend vom Sperrmüll, nachdem ich bei Twitter auf den Fund hingewiesen wurde. Den Klavierhocker bot ein Kumpel ebenfalls via Twitter an.

Sessel

Klavierhocker

Esszimmerstühle

Zurück zu den Esszimmerstühlen: Ich scrollte also in der Nacht durch die Anzeigen und sah plötzlich ein Angebot, bei dem jemand 3 alte Stühle zu verschenken anbot. Abholung am nächsten Tag, in einem kleinen Dorf hinter Groß-Gerau, ca. 100km Fahrtstrecke insgesamt. Ich also angeschrieben, reserviert, abgeholt und gestrahlt: Das werden jetzt meine neuen Esszimmerstühle. Wohl dann!

Holzbearbeitung

Nun muss ich zugeben, dass mir für die Arbeiten mit dem Holz manchmal die Geduld fehlt und auch eine gescheite Werkstatt. Ich arbeite auf dem Balkon, decke die frisch gepflanzten Kartoffeln notdürftig ab und gönne mir nach all den Jahren einen neuen Multischleifer, weil der alte so ein no-name Teil aus dem Baumarkt und in die Jahre gekommen ist.

Das Abschleifen klappt mit so einer Maschine ganz gut, aber man darf nicht faul sein und muss – natürlich – mit mehreren Körnungen arbeiten und alles richtig glätten. Was ich natürlich nicht so 100% gemacht habe, weil ich es früher immer nur lackiert hatte und so ein Lack dann auch alle Unebenheiten abdeckt.

Dieses Mal wollte ich es aber anders machen und die Idee war schon richtig, mit dem Ergebnis bin ich aber leider nicht zufrieden. Es ist dann aber egal, weil es außer mir eh keiner so genau sehen wird und das Polster eigentlich wichtiger ist. Dazu aber später mehr.

Dieses Mal wollte ich also keinen normalen Lack verwenden, sondern das Holz erst dunkel beizen und dann mit einem transparenten, seidenmatten Holzlack versiegeln. Ich hätte es auch einfach nur ölen können, wollte hier aber bei den Stühlen kein Risiko eingehen und hatte zuletzt eher schlechte Erfahrungen mit dem Ölen gemacht. Dieser dünne Holzlack setzt aber voraus, dass man auf das gebeizte Holz noch einen Schleifgrund aufträgt. Hä? Was ist das denn? Nochmal Geld ausgeben, nochmal einpinseln, nochmal alles abschleifen? Uff. Nee, komm, das mache ich so.

Habe ich dann auch so gemacht und den dünnen Holzlack noch mit anderen (dunklen) Lacken gemischt. Weiß nicht ob das ein Fehler war, sicherlich, aber Holzlackierungen und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Dabei hatte ich letztens erst eine alte (abgeschmirgelte) Wandergitarre mit Schellack versiegelt und das hatte erstaunlich gut funktioniert. Also, lessons learned für mich: Eine gute Grundierung, eine gute Oberfläche ist das A und O der Holzbearbeitung. Wenn man dort schlampt, spürt man das später bei jedem Pinselstrich. Und jeder Lack zieht anders ein. Egal, für mich auch eine gute Lernkurve und Erfahrung und dafür mache ich das auch.

Polsterung

Dann die Polsterung: Hier habe ich mittlerweile genügend Erfahrung gesammelt in den letzten 20 Jahren. Habe mir das alles selber beigebracht und über die Jahre bin ich da immer besser geworden. Und weil es dieses Mal besonders gut werden sollte, hatte ich mir für 29 EUR den Meter einen türkisfarbenen Stoff ausgesucht, der mit japanischen Kirschblüten versehen ist. Weil ich mir nicht sicher war, ob das so eine gute Idee sei, frug ich dazu mehrmals in meinen Instagram-Stories nach. Fast alle Teilnehmerinnen fanden den japanischen Stoff gut. Nur zwei Personen (witzigerweise Designer) fanden den neutralen, türkisfarbenen Stoff besser, der bereits beim Sessel und Klavierhocker zum Einsatz kam.

Auf die gereinigten nackten Rahmen der Polster habe ich also erst festes Gurtband gespannt, dann eine Lage Jutesack. Auf diesen eine Lage grauer Polsterwatte (unter dem Schaumstoff), dann 3cm Schaumstoff RG 35/50, darauf weißen Polstervlies und am Ende den Stoffbezug. Diesen aber dieses Mal nicht umgeschlagen, sondern direkt am Rand festgetackert und bündig abgeschnitten. Die ganze Spannung befindet sich also am Rand und auf der Oberfläche. Den unteren Rand habe ich mit schwarzem Gurtband abgeklebt. Es sieht alles sehr wertig aus und ist vor allem bequem.

Mit den Polstern bin ich sehr zufrieden, mit dem Finish bei den Stühlen eher weniger. Aber ich will mich nicht beklagen, es hat alles sehr viel Spaß gemacht, ist am Ende recht ansehnlich geworden und man sitzt jetzt vor allem 1. bequemer und 2. viel aufrechter als früher, weil sich die Sitzhöhe auch leicht verändert hat und man sonst nicht mehr unter dem Tisch sitzen kann. Das hatte ich nämlich schon befürchtet und daher nur die 3cm Schaumstoff gewählt (statt 4 oder 5cm). Das graue Vlies unter dem Schaumstoff ist natürlich ein Bonus, den man nicht wirklich benötigt. Aber ich hatte die Reste da und wollte es möglichst gut polstern. Auch weil ja der Schaumstoff irgendwann nachgeben wird und so etwas gab es bei den alten Füllungen aus Stroh und Haaren eher nicht. Die wurden zwar auch oll und waren elendig staubig, aber sie hatten dem Kissen zumindest dauerhaft Kontur verliehen.

Jetzt habe ich am Esstisch 3 alte Stühle, 2 türkisfarbene von der einen Sorte und 2 von der anderen Sorte und ich mag diese bunte Mischung. Irgendwann kann ich es farblich nochmal besser abstimmen und vielleicht weitere Stühle organisieren, so dass die unbequemen, türkisfarbenen Dinger in den Ruhestand gehen können. Auf der anderen Seite passt die dunklen Farbe der Stühle zum japanischen Tansu und der teilweise japanischen Einrichtung hier.

Ich mag alte Möbel und schätze die höhere Wertigkeit dieser Gegenstände. Die Ikeasachen aus den gepressten Holzschnipseln sind einfach nix auf Dauer. Sie erfüllen ihren Zweck, sind modular und relativ günstig in der Lagerung, Logistik und Verkauf, haben aber einfach keine Seele. Außerdem möchte ich nur noch gebrauchte Möbel haben, weil die eine Geschichte erzählen und  dadurch interessanter erscheinen als der sterile Einheitsbrei. Und da ist die ganze Umweltkomponente noch gar nicht erwähnt (bin großer Fan von Cradle to Cradle Kreislaufwirtschaft und Turntoo Geschäftsmodellen, bei denen Dingen und ihren Materialien ein anderer Wert gegeben wird).

drei fertige Stühle und ein Klavierhocker

Author: jke

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