re: Fußball #sge

Fuß­ball war mir frü­her egal. Bespa­ßung für die Mas­sen war das für mich. Brot und Spie­le für die Bevöl­ke­rung, die unter­hal­ten wer­den muss. Bes­ten­falls ein Event, das die Men­ge ver­eint, aber ohne wei­te­res Begeis­te­rungs­ge­fühl. “Inter­es­sierst Du Dich für Fuß­ball?”, frug mich der Kol­le­ge damals in der Aus­bil­dung. “Nein”, ant­wor­te­te ich wahr­heits­ge­mäß, wor­auf­hin sich der Kol­le­ge des­in­ter­es­siert abwen­de­te. Aller­dings war der als Main­ta­ler auch Bay­ern Mün­chen Fan und daher sowie­so irgend­wie suspekt. Nein, also die­ser Fuß­ball mit sei­nen ulki­gen Fans und dem gan­zen Zau­ber drum­her­um — es inter­es­sier­te mich nicht sonderlich.

Heu­te sehe ich das etwas differenzierter.

“In der Sai­son 93/94 war ich bei jedem Heim­spiel dabei”, schrieb mir mein Kum­pel Kang-Ping letz­tens aus Tai­wan. “Über den Sohn vom Trai­ner sind wir damals güns­tig an Kar­ten gekom­men, 5 DM das Stück. Ich habe da jedes Spiel mit­ge­nom­men.” Das hät­te ich sei­ner­zeit auch mal machen müs­sen. Ein­fach mal recht­zei­tig ins Sta­di­on gehen und die­sen Fuß­ball erle­ben, der mir so jah­re­lang egal war. Wahr­schein­lich lag es dar­an, dass wir damals im Aus­land gelebt haben oder mein Vater eben­so wenig Inter­es­se für die­sen oder über­haupt einen Sport auf­zei­gen konn­te. Ich bin sehr nach ihm gera­ten, wir inter­es­sier­ten uns für die Kunst, weni­ger für Lei­bes­er­tüch­ti­gun­gen. Dabei ist Fuß­ball sogar ein groß­ar­ti­ges Mit­tel zur Völ­ker­ver­stän­di­gung und der ulti­ma­te ice brea­ker für jede Kon­ver­sa­ti­on. Allein — das Inter­es­se fehlte.

Wenn man Fuß­ball nur aus dem Fern­se­hen kennt, kann auch kei­ne rich­ti­ge Freu­de auf­kom­men. Man muss da schon ins Sta­di­on gehen und die­sen Vibe spü­ren. Ich muss­te erst 38 Jah­re alt wer­den, um auf Twit­ter die­sen Wunsch zu einem Sta­di­on­be­such zu äußern, der mir einen ganz wun­der­ba­ren Besuch bei der Par­tie Wer­der Bre­men vs. Ein­tracht Frank­furt bescher­te. Noch­mals vie­len Dank an @penn_y_lane, die schon als Kind zur Ein­tracht mit­ge­nom­men wur­de. Über­haupt, die Ein­tracht. Die Sport­ge­mein­de Ein­tracht Frank­furt von 1899 e.V..

Über mei­ne Zufrie­den­heit mit Frank­furt schrieb ich ja bereits. Frank­furt ist mit sei­nem hohen Aus­län­der­an­teil ein will­kom­me­ner Ort für alle die­je­ni­gen, deren Hei­mat­ver­ständ­nis mehr ein Erle­ben der Gegen­wart ist, als die bedin­gungs­lo­se, her­edi­tä­re Treue zu einem Ort (so gese­hen wäre ich viel­leicht sogar gebür­ti­ger gebo­re­ner Ham­bur­ger, aber der HSV?! Lot­to King Karl, ok, aber der Rest? Dann schon viel eher Wer­der Bre­men.). Bei einer Stadt wie Frank­furt also ist es nur fol­ge­rich­tig, dass die Ein­tracht Frank­furt aus mei­ner Sicht so ein schö­nes Sam­mel­be­cken für Frank­fur­ter ist. Beim Spiel ges­tern saß ein Hau­fen Japa­ner neben uns. Für mich ist das ein ganz wun­der­ba­rer Grund, ins Sta­di­on zu gehen.

Waldstadion

“Die Ein­tracht, da ist jeder will­kom­men!”. So oder so ähn­lich erzähl­ten es mir Bekann­te bereits im Vor­feld, und das sagen die Fans wahr­schein­lich bei jedem Ver­ein. Aus­ge­hend von der bun­ten Mischung an Fans kann ich dem auch nur zustim­men, wobei mich ein Besuch im sehr ein­heit­li­chen Fan­block jetzt auch sehr rei­zen wür­de. Womit ich zu mei­nen Likes und Dis­li­kes komme:

Was ich mag:
Den Mann­schafts­sport. Kei­ne Ein­zel­kämp­fer­leis­tung, son­dern ein Mit­ein­an­der und schö­ne Päs­se. Spie­ler, die als Team auf­tre­ten und dyna­misch die Lücken fül­len, ohne vom Trai­ner dazu ver­don­nert zu wer­den. Das Fair Play, also die pro­fes­sio­nel­le Hal­tung beim Spiel, die die­ses Mit­ein­an­der über den Kampf stellt. Das ist mir wich­ti­ger als ein sieg­rei­ches Spiel. Tore fin­de ich nett, sehe sie aber eher als Garant für inter­es­san­te Sponsoren.

Die Atmo­sphä­re im Sta­di­on. Du sitzt oder stehst auf der Tri­bü­ne und siehst da unten so klei­ne Figu­ren her­um­lau­fen, hast einen bes­se­ren Über­blick als die Spie­ler und denkst Dir die gan­ze Zeit: “Los jetzt!” oder “Raaaaaa­an!!” oder “gib doch mal ab!” oder so Zeugs. Klug­schei­ßer­ga­lo­re, wenn mir sel­ber nach 100m die Pus­te aus­ge­hen wür­de, aber trotz­dem ist das geil. Sehr geil sogar. Sport live erle­ben, und das habe ich jetzt end­lich gelernt, ist noch­mal eine ande­re Liga als es immer nur pas­siv über einen Fil­ter (i.e. TV) zu kon­su­mie­ren. Wahr­schein­lich wäre ein Par­tie Ten­nis live auch erträglicher.

Die Spra­che. Ein­mal bei 11 Freun­de vor­bei­schau­en, alles quer­le­sen und sich ob des Geschwa­fels erfreu­en, das aber trotz­dem vie­les ganz genau beschreibt. Typen, die im Fern­se­hen stun­den­lang über den Sport reden. Frü­her war mir das sehr suspekt. Wie kön­nen die das nur ewig bequat­schen? Haben die da sel­ber mit­ge­spielt oder auch nur (so wie ich) im Sta­di­on mit­be­kom­men? Über­haupt, stän­dig wird über irgend­wel­che Spie­ler­trans­fers gespro­chen und Sie­ge hier und Füh­rung dort. Über die Päs­se und das Mit­ein­an­der wird da gefühlt weni­ger gespro­chen. Ist das wahr?

Die Erho­lung. Wie im Auge eines Tor­na­dos, so emp­fin­de ich die 90 Minu­ten + Halb­zeit im Sta­di­on. Die pure Erho­lung. Natür­lich fie­bert man beim Spiel mit, aber ansons­ten bin ich die Ruhe in Per­son wäh­rend des Spiels. Vol­le Kon­zen­tra­ti­on, aber ohne ange­strengt zu sein. Wenn mich jetzt jemand fragt, ob ich mit zum Spiel kom­men möch­te, sehe ich da in ers­ter Linie die geis­ti­ge Erho­lung. Für mich ist das wie Medi­ta­ti­on. Sehr, sehr erhol­sam. Sehr.

Die Stra­te­gie. Ein Land, das sich aktiv um eige­ne Nach­wuchs­spie­ler küm­mert und aktiv auf­baut. Das mit einer U19-Mann­schaft Erfol­ge ein­fährt und lie­ber sel­ber etwas för­dert als sich Poten­ti­al aus dem Aus­land einzukaufen.

Eintracht!

Was ich nicht so mag:
Die Prei­se. Beim letz­ten Spiel wur­de ich ein­ge­la­den (thx!), denn auf Dau­er könn­te ich mir den Spaß nicht leis­ten. Die­se gan­ze Kom­mer­zia­li­sie­rung von den Fanu­ten­si­li­en (Tri­kot­prei­se!) über die Ein­tritts­kar­ten bis hin zur Abzo­cke bei der Ver­pfle­gung ist total ätzend. Natür­lich ist es logis­tisch eine gro­ße Erleich­te­rung, wenn alle nur noch mit Pre­paid­kar­ten bar­geld­los bezah­len und bei jedem gro­ßen Spiel die Fans kon­trol­liert hin- und weg­ge­lei­tet wer­den, aber irgend­wie kommt man sich da auch wie dum­mes Vieh vor, das mög­lichst nur kon­su­mie­ren und gute Stim­mung machen soll. Wirk­li­cher Frei­raum sieht da doch anders aus.

Man­che Fans erfül­len wirk­lich alle Kli­schees hin­sicht­lich des typi­schen Hes­sen. Also FFH-Radio­hö­rer, Onkelz-Fan (“Gehasst, vedammt, ver­göt­tert” — fand ich als 18jähriger in Kenia auch mal gut) und all­ge­mein Anhän­ger irgend­wel­cher Sprü­che, die auch ger­ne als Wand­tat­toos oder als Lebens­weis­hei­ten auf der FB-Pinn­wand ver­ewigt wer­den. Wenn man die­se Kli­schees bedient haben möch­te, wird man hier fün­dig. Obwohl die Sprü­che auf den Fan­schals schon wie­der wit­zig sind und Frank­furt die­ses Image eigent­lich noch viel wei­ter aus­bau­en müss­te (“Haupt­stadt des Ver­bre­chens”). Über­haupt, Fuß­ballf­an­kul­tur ist eine Welt für sich und ich kann/darf es eigent­lich gar nicht beur­tei­len. Als Neu­ling nimmt man die­ses Bild aber oft als ers­tes wahr, und daher habe ich jetzt auch so lan­ge gebraucht, um zum Fuß­ball zu finden.

Was gar nicht geht: der Spruch “aus eige­ner Kraft” beim FSV. Wel­cher Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­ra­ter hat sich die­sen Mist aus­ge­dacht? Aus wes­sen Kraft denn sonst? Aus frem­der Kraft? WTF? Die haben eh schon so weni­ge Fans beim FSV, und dann so nen Vor­stoß. Ich woh­ne direkt am FSV-Sta­di­on und muss mir die­sen Mist jetzt öfter anschau­en. Oh man.

Die stän­di­ge Regu­lie­rung. Wahr­schein­lich muss ich mal rich­tig in den Fan­block abtau­chen und ein Spiel aus deren Sicht erle­ben, aber irgend­wie kommt es mir so vor, dass man in Deutsch­land alles nur in geord­ne­ten Ver­hält­nis­sen zele­brie­ren darf. Das scheint wohl auch ein Grund zu sein, wie­so es dann bei den Fans zu sol­chen schein­bar star­ken Sprü­chen kommt, die einer­seits Din­ge wie Stär­ke, Loya­li­tät oder Lei­dens­fä­hig­keit demons­trie­ren sol­len, und ande­rer­seits aber nur das erlaubt wird, was der Spon­sor abge­seg­net hat. “Fan­ban­ner bit­te nur in der Halb­zeit”, oder so. Hier wür­de ich ger­ne mehr von dem sehen, was die Fans wirk­lich füh­len. Nicht nur das was der Spon­sor oder der Club als mas­sen­taug­lich emp­fin­det. Dann kann man sich auch die vie­len Sprü­che spa­ren, die eher pein­lich wir­ken weil so gekün­zelt. Auf der ande­ren Sei­te lebe ich aber auch fern­ab der Hele­ne-Fischer-Welt und kann kei­nen ein­zi­gen Schla­ger mit­sin­gen, inso­fern habe ich da wohl auch einen ande­ren Anspruch. Aber den­noch: ich wür­de die Fans ger­ne mehr das raus­las­sen sehen, was sie füh­len. Und Ver­ei­ne, denen die­se Fan­kul­tur wich­ti­ger ist als jetzt fami­li­en­taug­li­ches Wochenendentertainment.

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So egal wie frü­her ist mir Fuß­ball jetzt also nicht mehr. Ich schaue genau­er hin, wenn über Spie­le berich­tet wird und erfreue mich ob der puren Erho­lung wäh­rend des Spiels. Es ist eine Welt für sich, aller­dings mit gerin­ger Ein­stiegs­hür­de und glo­ba­lem Inter­es­se. Ich muss­te erst etwas älter wer­den, um die­se Form der Unter­hal­tung für mich als gut zu emp­fin­den. Ich kann jetzt auch die Groundhop­per bes­ser ver­ste­hen, die ein­fach guten und viel­sei­ti­gen Fuß­ball sehen möch­ten. Wenn das nicht so anstren­gend wäre, könn­te ich mich viel­leicht sogar dafür begeistern.

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