Wrong, Johnson, Moyo — eine Auswahl

Ein Arti­kel online über Demenz brach­te mich auf Umwe­gen zu Til­man Jens, der ein sehr streit­ba­res Buch über .… den Umgang mit sei­nem Vater, Wal­ter Jens , geschrie­ben hat.

Über­haupt, dass ein 54jähriger Mann immer wie­der als “Sohn von…” ein­ge­lei­tet wird, wäre dann schon Grund genug, sich noch zu Leb­zei­ten zu dif­fe­ren­zie­ren. Aber so?

Das The­ma Alz­hei­mer haben wir in der eige­nen Fami­lie von Anfang bis Ende durch­lebt und nach­dem der Spuk jetzt end­lich vor­bei ist, fra­ge ich mich immer wie­der: was bleibt?

Was bleibt — außer der Erin­ne­rung, der Lie­be, den Ver­bin­dun­gen — vom Intel­lekt, vom Schaf­fen zurück?

Men­schen sind wie Bäu­me. Je älter sie wer­den, des­to mehr Jah­res­rin­ge bekom­men sie und kön­nen bes­ser ver­wer­tet wer­den. Spen­den sie zu Leb­zei­ten Schat­ten und Schutz, kön­nen aus ihren Stäm­men spä­ter lan­ge und brei­te Bret­ter gesägt wer­den. Je mehr ein Baum erLebt, des­to ergie­bi­ger lässt sich davon profitieren.

Lei­der stimmt der Vegleich an die­ser Stel­le nicht mehr, denn Krank­hei­ten wie Alz­hei­mer oder Par­kin­son befal­len Men­schen wie ein Pilz, der die Sub­stanz ver­än­dert und genau dort ansetzt, wo es am meis­ten schmerzt. Aus brauch­bar wird unbrauchbar.

Eine ähn­li­che Fra­ge stel­le ich mir immer wie­der bei Online Publi­ka­tio­nen, die oft weni­ger breit und nach­hal­tig irgend­wo im wei­ten Daten­netz erschei­nen und ob der Fül­le an Infor­ma­tio­nen im Daten­nir­wa­na untergehen.

Die­ser Blog­post könn­te auch ganz anders beti­telt wer­den und ich könn­te viel­leicht von Anfang an her­vor­he­ben, dass ich mich viel lie­ber mit der Bedeu­tung von Online­ver­öf­fent­li­chun­gen vs. Büchern beschäf­ti­gen würde.

Allein, ich ver­mag es in sei­ner Gän­ze nicht zu erfas­sen, gar zu über­bli­cken, daher beschrän­ke ich mich auf simp­le Fra­gen und stel­le im Fol­gen­den drei Bücher vor, die jetzt dank Ama­zon den Weg auf mei­nen Schreib­tisch gefun­den haben und sich ele­gant an der sons­ti­gen Pflicht­lek­tü­re vorbeimogeln.

Die Pflicht­lek­tü­re besteht zur Zeit übri­gens aus wis­sen­schaft­li­chen Publi­ka­tio­nen zum The­ma Abwas­ser­be­hand­lung in Ent­wick­lungs­län­dern, was zwar tech­nisch über­aus inter­es­sant ist, aber eben nicht fas­zi­nie­ren ver­mag — ganz im Gegen­satz zu Gegen­warts­li­te­ra­tur über den afri­ka­ni­schen Kontinent.

Eines aber noch vor­weg: wenn wir in Zei­ten einer Web­Cie­ty den Wech­sel hin zu einer sich-ins-Netz-ver­la­gern­den-Gesell­schaft bemer­ken, in der die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit­ein­an­der an ers­ter Stel­le steht, stel­le ich mir zwang­läu­fig immer wie­der die Fra­ge: wel­chen Stel­len­wert haben Bücher (gedruckt, auf Papier) im 21. Jahrhundert?

Und: wer soll das alles lesen (?).… in einer Zeit, in der die Auf­merk­sam­keits­span­ne von Jugend­li­chen durch MTV und You­Tube gera­de ein­mal gefühl­te 10 Minu­ten beträgt und wenn Infor­ma­tio­nen nicht mehr in klei­nen Häpp­chen oder gar in Link­form prä­sen­tiert werden?

Wenn wir wei­ter­hin davon aus­ge­hen, dass sich moder­ne e‑Book Rea­der (wie Ama­zons Kind­le und kos­ten­güns­ti­ge Ein­stei­ger­com­pu­ter wie Net­books als alter­na­ti­ve e‑Book rea­der) durch­set­zen wer­den (oder gar Han­dy­ro­ma­ne, wie in Japan schon sehr popu­lär), wie wer­den die­se Inhal­te (und nur dar­um geht es eigent­lich) mit dem neu­en Kon­sum­ver­hal­ten ver­netzt? Wer­den unse­re Kin­der das Buch als sol­ches wahr­neh­men und kon­su­mie­ren, oder eher als Teil des Wis­sens in einer vir­tu­el­len Biblio­thek abspei­chern? Und wie wer­den sie damit umgehen?

Alles Fra­gen, die mich immer wie­der beschäf­ti­gen und die micht jetzt trotz­dem nicht vom Kauf der fol­gen­den Exem­pla­re abge­hal­ten haben:

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Michae­la Wrong: “It’s our turn to eat — the sto­ry of a Ken­y­an whist­le blower”

Über John Githon­go und sei­nen Kampf gegen die kenia­ni­sche Kor­rup­ti­on. Auf­ge­schrie­ben von Michae­la Wrong, die ihn sei­ner­zeit in sei­nem selbst­ge­wähl­ten Exil in Eng­land auf­nahm. Michae­la Wrongs Buch über Mobu­tu wur­de schon gie­rig ver­schlun­gen und liest sich gut, ähn­li­ches erwar­te ich daher auch von die­sem Werk, das die (größ­ten­teils schon bekann­ten) Ver­stri­ckun­gen kenia­ni­scher Poli­ti­ker in Kor­rup­ti­ons­skan­da­le beschreibt .

Die­ses Buch wird in Kenia zur Zeit wohl nur unterm Laden­tisch ver­kauft und dürf­te sich zu einem Best­stel­ler ent­wi­ckeln, denn — anders als der Ver­fall Kon­gos — han­delt es sich bei Kenia um eines der reichs­ten Län­der Afri­kas. Frei­lich hat Kenia nicht die Boden­schät­ze, wie sie Bots­wa­na oder der Kon­go (DRC) auf­wei­sen kön­nen. Sei­nen Reich­tum zieht es viel­mehr aus der geo­po­li­tisch güns­ti­gen Lage am Indi­schen Oze­an (Hafen, Tou­ris­mus), den vie­len Exil­ke­nia­nern im Aus­land (die für einen infor­mel­len Geld­fluss sor­gen) und viel­leicht auch noch aus der Agrar­wirt­schaft (Kaf­fee, Tee, Blu­men). Und wäh­rend vie­le Minis­te­ri­en immer noch vom Geld­se­gen der EU abhän­gen, die gele­gent­lich ein paar Pick­ups als Pro­jekt­au­tos finan­zie­ren, ver­fü­gen vie­le kenia­ni­sche Poli­ti­ker über ein sehr gutes Ein­kom­men, das im sehr kras­sen Ver­hält­nis zu ihren eige­nen Leis­tun­gen, aber vor allem dem Durch­schnitts­ein­kom­men im Lan­de steht.

Kor­rup­ti­on als sol­che mag für vie­le als Aus­gleichs­sys­tem für die vie­len Unge­rech­tig­kei­ten in der Volks­wirt­schaft ver­stan­den wer­den. Tat­säch­lich jedoch ist sie wie ein Pilz, der ein gesun­des Sys­tem zer­stört und unbrauch­bar wer­den lässt.

Die wirk­li­che Kern­aus­sa­ge die­ses Buches scheint aber zu sein, dass das kor­rup­te Sys­tem vom schein­bar eige­nen Mann auf­ge­deckt wor­den ist, der als Ver­tre­ter einer neu­en Genera­ti­on mit ande­ren Wer­ten und Idea­len auf­ge­wach­sen ist. Was wir hier sehen, ist der unge­rech­te Kampf zwi­schen den alten Män­nern eines über die Jah­re gewach­se­nen pro­fi­ta­blen Sys­tems und ein­zel­nen Ver­tre­tern wie John Githon­go, die über einen viel moder­ne­ren Erfah­rungs­ho­ri­zont verfügen.

Wäre ich ein biß­chen Deut­scher und älter — viel­leicht so wie Til­man Jens — wür­de ich es viel­leicht mit den Iden­ti­fi­ka­ti­ons­pro­ble­me­nen der 1968/1978er Genera­ti­on im Nach­kriegs­deutsch­land ver­glei­chen. Inter­es­sant dabei: die wirk­li­chen Aus­wir­kun­gen erken­nen wir oft erst an der fol­gen­den Generation.

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Domi­nic John­son “Kon­go: Krie­ge, Kor­rup­ti­on und die Kunst des Überlebens”

Domi­nic John­son ist mir als Afri­ka Kor­re­spon­dent der taz bekannt, des­sen Arti­kel sei­ner­zeit mit einer der Grün­de für mein taz-Abo waren.

Ich war noch nie im Kon­go, jedoch steht die Regi­on auf mei­ner Rei­se­lis­te ganz weit oben. Auf­merk­sa­me Leser mei­nes Blogs wis­sen sicher­lich, dass ich hier schon den einen oder ande­ren Arti­kel mit Inhal­ten zum Kon­go (als Regi­on, nicht nur DRC) ver­öf­fent­lich habe. Kurz­um: für mich ein über­aus viel­ver­spre­chen­des Buch, in dem ich viel­leicht auch mei­ne Ver­mu­tung wie­der­fin­den wer­de, dass sich die “Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kon­go” in den nächs­ten Jah­ren in Ein­zel­staa­ten auf­tei­len wird. Der Kon­go ist die für mich zur Zeit span­nends­te Regi­on Afrikas.

“Die Kunst des Über­le­bens” — ja. Treff­li­cher kann man es wohl nicht beschreiben.

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Dam­bi­sa Moyo: “Dead Aid — Des­troy­ing the big­gest glo­bal myth of our time”

Ein Buch im Stil von Prof Geor­ge Ayit­teys “Afri­ca Unchai­ned — The Blue­print for Afri­ca’s Future”, das die “Ablass­zah­lun­gen” des Wes­tens an Afri­ka beschreibt und einen neu­en Weg auf­zei­gen möch­te, der wirk­li­che Ent­wick­lung in Afri­ka ermög­li­chen soll.

Da ich auch in die­ser auf­ge­klär­ten Zeit immer wie­der auf Zeit­ge­nos­sen sto­ße, die ein kom­plett fal­sches Bild vom afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent und dem rie­si­gen Poten­ti­al haben, ist es umso wich­ti­ger, Ver­tre­ter neu­er Theo­rien zu ent­de­cken, die — wis­sen­schaft­lich fun­diert — eine eige­ne Lösung aus der Mise­re beschrei­ben und idea­ler­wei­se auch noch über die nöti­ge beruf­li­che Erfah­rung ver­fü­gen, die ihre Glaub­wür­dig­keit untermauert.

In Dead Aid, Dam­bi­sa Moyo descri­bes the sta­te of post­war deve­lo­p­ment poli­cy in Afri­ca today and unflin­chin­gly con­fronts one of the grea­test myths of our time: that bil­li­ons of dol­lars in aid sent from wealt­hy coun­tries to deve­lo­ping Afri­can nati­ons has hel­ped to redu­ce pover­ty and incre­a­se growth. (Quel­le)

Dam­bi­sa wur­de letz­tens auch von der BBC im Hard­Talk inter­viewt und ich habe sie vor­hin via Twit­ter auf das Afri­ca Gathe­ring Ende April in Lon­don hin­ge­wie­sen. Mal schau­en was draus wird…Sie kann nicht, ist auf Lese­rei­se in den USA.

The sil­ver lining der hier vor­ge­stell­ten Wer­ke ist für mich ganz klar die Erkennt­nis, dass es Ver­än­de­run­gen in Afri­ka nur durch eine neue Genera­ti­on geben kann, die — auf­ge­wach­sen mit tra­di­tio­nel­len Ver­hal­tens­mus­tern und typi­schen US-ame­ri­ka­ni­schen Sit­Coms wie dem Fresh Prince of BelAir — ihren eige­nen Weg fin­den muss.

UPDATE: Fünf Wochen nach VÖ die­ses Bei­trags ist in der FAZ ein Inter­view zu Dam­bi­sa Moy­os Buch erschie­nen. Und jetzt hat sie sogar wohl noch im Vor­trag bei der Welt­bank über­zeugt. Wer sich auch nur ein biß­chen mit Afri­ka beschäf­tigt, soll­te die­ses Buch unbe­dingt lesen — kann es wärms­tens emp­feh­len. Weni­ger um einen mög­li­chen Lösungs­weg auf­ge­zeigt zu bekom­men, als viel­mehr die moder­ne Ein­stel­lung des neu­en Afri­kas zu verstehen.

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