Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf…

Die wahre Kunst, ein Praktikum in Kenia – aufm Land, wo man als Mzungu täglich dumm angequatscht wird und warmes Wasser ein Fremdwort ist – durchzuziehen, liegt darin, sich an verschiedenen Abenden konsequent in eine andere Welt zurückziehen, in der man vor allem den Krach von nebenan aka Nachtclub mit akustischer Dauerpenetration ignoriert, oder zumindest als nicht störendes Hintergrundgeräusch in positive Energie umwandelt.

Gesegnet sind die Abende mit Stromausfällen, an denen ICH hier mal die Mucke bestimmen kann via mein Notebook. Aaaaahhhh.

Seriously, ich würd hier gern mal die ReinigungsCD nebenan in der Bar ausm Player nehmen und bißchen Indy/Emo/Alternative/Punk/Rock einlegen. Oder vielleicht auch Indietronics/Electrotrash, weil das hat ja nen kompatiblen Beat. Dito House.

Gespannt wäre ich dann vor allem auch auf die Reaktion(en) der überwiegend männlichen Barbesucher, die sich an so einem schönen Freitag abend volllaufen lassen und natürlich vorher schon mit billigem Chang’aa (gepantschter Alk aus Eigenproduktion) vorgeglüht haben, um dann später vor den wenigen weiblichen Besucherinnen des Pubs so tun zu können als wenn sie allein vom Bier high geworden sind. Alkohol kostet Geld – und wer hier punkten möchte, bastelt vor allem erstmal an seinem Image.

Gegen frühen Abend werden hier die alten Klassiker aus Zaire/Congo gespielt, die ich selber aufm Notebook habe. Schön. Danach allerdings versucht sich dann ein ungeschickter Flaschenaugust am viel zu aufgedrehten Fernseher, der infolge dessen 2h lang die Besucher mit den sich wiederholenden Tagesnachrichten beschallt. Und irgendwann dann wenn der Fernseher wieder leiser gedreht wurde, versucht sich selbiger ungeschickter Bierflaschenschubser an der Stereoanlage. Die Auswahl der Radiosender erfolgt dann natürlich bei vollkommen aufgedrehter Lautstärke – und das ist für kenianische Verhältnisse auch gar nicht weiter schlimm, denn wer was hat, der zeigt es auch. Außerdem gilt laute Musik als Marketinginstrument: je lauter desto besser.

Nachdem also die Radiomusik irgendwann als zu fad empfunden wurde, und die reichen Kikuyus der Gegend mit ihrem Pickup vorgefahren sind, um in Cowboystiefeln und dem typischen Hut elegant zu trinken, wird die “One Man Guitar” CD eingelegt.
Mit der one man guitar Musik, bei der ein Mann an der Gitarre zu einer sich nach fünf Takten wiederholender Melodie schmutzige Lieder singt (was das ganze ja wieder sympathisch macht, und überhaupt: es is ja zumindest auf Gikuyu), verhält es sich in etwa so wie mit der Akzeptanz von dieser unbeschreiblich grauenhaften “Musik”, die hauptsächlich im Rheinland (ja?) als “Schlagerpop” vermarktet wird. Brauchen wir nicht weiter drüber reden, nich?

Die Musik läuft übrigens den ganzen Tag. Und damit meine ich 24h lang.

Morgens um 7 Uhr werde ich hier täglich durch den Kartoffelaugust geweckt. Im Innenhof – mein Fenster liegt zum Innenhof raus – steht ein Arbeitsknecht ausm Restaurant nebenan und zerdrückt Kartoffeln zu Pommäääs. French Fries. Chips! Täglich. Mehrmals am Tag.

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Letztens stehe ich in Nairobi im Nakumatt (Supermarkt) vor der manuellen Pommesmaschine und hab ernsthaft überlegt, ob ich nen neues Arbeitsgerät für meine Nachbarn kaufe. Eines das weniger ausgeleiert ist. WD-40 hilft da leider nicht mehr weiter.

Kaum hat der Kartoffelfachmann seinen Dienst vollbracht, tritt der Schlachter in Aktion, der pünktlich um 8 Uhr morgens die Motorsäge anwirft, um die Kühe fürs Wochenende zu zerteilen. Wochenende bedeutet hier vor allem Abschied vom staple food: unter der Woche gibt es gekochten Mais mit Bohnen in allen Variationen, am Wochenende Fleisch. Gebraten. Gekocht. Gegrillt.

Nachdem die Kuhhälften zerteilt worden sind, kommt die Putzkolonne, die mit Wasser und reichlich Omo den Innehof schrubbt. Der Hof ist nicht wirklich dreckig, aber immerhin zementiert, so daß sich die tägliche Reinigung quasi aufdrängt.

Und jetzt mal zu den Vorteilen. Schließlich habe ich mir hier das alles ausgesucht und bisher noch keine Sekunde lang bereut. Ich mache hier bei der Arbeit genau das was mir am meisten Spaß macht (~ Bastellösungen für technische Probleme finden und mit den Leuten quatschen), ich bin einem super Team das mich vollkommen integriert hat (wer von den Ausländern hat das schon?!) und kann hier jeden Tag Mangos essen. :-)

Nur die Musik nebenan ist echt scheisse.

Home sweet home!

Author: jke

Hi, I am an engineer who freelances in water & sanitation-related IT projects at Saniblog.org. You'll also find me on Twitter @jke and Instagram.

6 thoughts on “Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf…”

  1. Irene,

    the short answer of course is: why not? :)

    the long answer offers different reason:

    a)the text actually contains a secret, coded message about xxxxxxx and how to get him back into power. it was written in German kwani he is known to be a great fan of German ladies… ^^

    b) remember the Kaybee 2006 awards? the blog was nominated as the “Best Blog Not Written in Englisch”

    I somehow have to justify this by blogging more often in other languages. Eh? :-)

    c) It’s my mother tongue

    d) I just felt like writing something in German

    e) because I can

    f) because i remember you blogging in Gikuyu (ok, once!) sometime ago…

    g) because I knew you’d be asking me this question (you, my dear, only you :-)

    h) …..

  2. Juergen: I knew I was going to get that come back…lol ,, U still got it ! I will take b &c, and ehhhh G YEAH!
    p/s I do miss blogging but too, too busy ….. I might come back with gikuyu only blog .. Nway I will google translate the page , remember I still have the quest to learn me some German!

  3. Grüß Dich Jürgen,

    Harry hat mich auf Deine Seite verwiesen
    und bei dem Beitrag mit der Musik musste
    ich schon sehr schmunzeln. Oh Mann, wie
    hältst Du das aus? Ich glaub Du brauchst
    eine andere Wochnung ;-)

    VG aus Bangkok,

    Florian

    PS: Kommst Du zum Ehemaligentreffen am
    23.12. 16:00 Uhr in der Schule?
    Würd mich sehr freuen, Dich mal wieder
    zu sehen.

  4. Alter, ich kann nur sagen “Respekt”. Und ich finde es bewundernswert, dass jeden Tag geputzt wird. Und echte Pommes ohne Zusatzstoffe sind auch bemerkenswert.
    Wir werden uebrigens jeden Tag der Woche um 6:00Uhr geweckt, wenn nebenan mit tonnenschwerem Geraet ein Wohnhochhaus gebaut wird, in dem die 1-Zimmerwohnung ab $460.000 los geht. Haben wir auch nicht viel von.

    Viele Gruesse aus Florida,
    Mathias

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