Ihr geht alle in die Medien

Irgend­wo im Sta­pel der noch-zu-lesen­den-Zei­tungs­ar­ti­kel fand ich heu­te im Feuil­le­ton der FAZ vom 8. Mai 2004 einen inter­es­san­ten Arti­kel (“Ihr geht alle in die Medi­en”, von Jür­gen Kau­be) über die Ver­spre­chen deut­scher Hoch­schu­len, mit denen Stu­di­en­an­fän­ge­rIn­nen in die neu­en (geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen) Bache­lor-Stu­di­en­gän­ge gelockt wer­den.
Die unaus­weich­li­che Stu­di­en­re­form, um deut­sche Absol­ven­ten fit für den inter­na­tio­na­len Wett­be­werb zu machen, schwä­chelt dem­nach auf­grund fol­gen­der Ausgangssituationen:

1. die Ein­füh­rung selt­sa­mer Stu­di­en­gän­ge und deren Ver­kür­zung auf nur sechs Semes­ter
2. eine erzwun­ge­ne Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät
3. Lehr- und For­schungs­per­so­nal, das nicht an den Sinn der Fächer glaubt.

Vor zwei Wochen war ich hier in einem Work­shop der Uni zum The­ma “Inter­na­tio­na­li­sie­rung”. Ein inter­ner Work­shop, an dem ich als einer von zwei Stu­den­tIn­nen (von ca. 15.000!) teil­ge­nom­men habe. Ziel des Work­shops war es, einen Ein­stieg in die Dis­kus­si­on zum The­ma Inter­na­tio­na­li­sie­rung zu fin­den und einen Reform­pro­zess intern in Gang zu set­zen, der bei den Stu­den­tIn­nen und Uni-Mit­ar­bei­tern glei­cher­ma­ßen grei­fen sollte.

Im Gegen­satz zur Euro­pa-Uni­ver­si­tät Vid­adri­na in Frank­furt an der Oder, die uns die Lei­te­rin des dor­ti­gen Zen­trums für Inter­na­tio­na­les und Wei­ter­bil­dung für ein Impuls­re­fe­rat vor­bei­ge­schickt hat­te, und die auf­grund ihrer geo­gra­phisch güns­ti­gen Lage Euro­pa direkt vor der Tür hat, schei­tern Bemü­hun­gen zur Inter­na­tio­na­li­sie­rung hier oft schon an den man­geln­den Eng­lisch­kennt­nis­sen der Ver­wal­tungs­mit­ar­bei­ter. Ich spre­che hier von mei­ner Uni­ver­si­tät — der aus der Fach­hoch­schu­le Nord­ost­nie­der­sach­sen und der Uni­ver­si­tät Lüne­burg neu fusio­nier­ten Stif­tungs­Uni Lüne­burg mit ihren bei­den Stand­or­ten Lüne­burg und Suder­burg in Nord­ost­nie­der­sa­chen (das ist oben rechts auf der Deutsch­land­Kar­te wo die Scha­fe blö­ken, so ca. hal­be Stre­cke zwi­schen Ham­burg und Han­no­ver).
Wo also ansetzen? 

Natür­lich birgt der zur Zeit ablau­fen­de Fusi­ons­pro­zess und die damit ver­bun­de­nen Unter­schie­de zwi­schen Uni & FH ein gro­ßes Poten­ti­al für enga­gier­te Mit­ar­bei­ter (“Stu­den­ten sind eh nur ein durch­lau­fen­der Pos­ten” = O‑Ton der Frau­en­be­auf­trag­ten), wobei schnell ersicht­lich wird, wel­che Pro­fes­so­ren aktiv gestal­ten und for­dern, und wel­che eher ihre Zeit bis zum Ruhe­stand absit­zen.  Inter­es­san­ter­wei­se war es im Work­shop gera­de der FH-Pro­fes­sor, der im tech­ni­schen Stu­di­en­gang sei­ne Stu­den­tIn­nen von Beginn an aktiv for­dert, zur Selbst­stän­dig­keit erzieht und Prak­ti­ka im Aus­land ver­mit­telt.
Natür­lich mag man jetzt argu­men­tie­ren, dass ein inge­nieur­wis­sen­schaft­li­cher Stu­di­en­gang mehr reel­le Job­chan­cen und viel mehr didak­ti­sche Ansät­ze für eine inter­na­tio­na­le und kom­pe­ti­ti­ve Aus­rich­tung bie­tet als ein rein geis­tes­wis­sen­schaft­li­cher — aller­dings wird auch hier den Stu­den­tIn­nen eine Berufs­per­spek­ti­ve vor­ge­gau­kelt, die in ihrem Umfang mit der Rea­li­tät nicht unbe­dingt deckungs­gleich ist. 

Ein kon­kre­tes Bei­spiel: ich stu­die­re Was­ser­wirt­schaft und Boden­ma­nage­ment — - ein Stu­di­en­gang ähn­lich wie Umwelt­tech­nik, jedoch ohne Sta­tik­vor­le­sun­gen und dafür mit mehr BWL & Recht. Auf die Fra­ge, in wel­chem Bereich man nach dem Abschluß arbei­ten könn­te, ver­mag bis­her noch kein Pro­fes­sor ver­bind­lich zu ant­wor­ten. Dass es aber einen Bedarf an Inge­nieu­rIn­nen in Zukunft geben wird, ist öffent­lich bekannt.  Nur: wer­den wir tat­säch­lich für genau die­se Tätig­kei­ten aus­ge­bil­det?  So ein Typ wie ich, der sich für VIELE Din­ge inter­es­siert,  außer­or­dent­lich kom­mu­ni­ka­tiv ver­an­lagt  ist und  eine gewis­se Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät und Bereitschaft/Flexibilität von sich aus mit­bringt — gibt es für sol­che wie mich ein fes­tes Berufs­bild, auf das wir kon­kret aus­ge­bil­det wer­den kön­nen? Und wie­so die­se Fragestellung?

Weil es mei­ner Mei­nung nach ein Schuss in den Ofen ist. Die Stu­di­en­re­form ver­läuft viel zu ein­sei­tig, wird vom Land mit voll­komm­men über­zo­ge­nen Stu­di­en­ge­büh­ren zusätz­lich unter Druck gesetzt und hat es sich als Ziel gesetzt, für einen ima­gi­nä­ren bzw. “noch-zu-erschaf­fen­den” Arbeits­markt Absol­ven­tIn­nen aus­zu­bil­den, nach denen sich eigent­lich nie­mand direkt umge­schaut hat. Für klei­ne Teil­be­rei­che wie bei dem oben ange­spro­che­nen Prof mag das viel­leicht alles Sinn machen — aber der Work­shop zeig­te auch, dass er mit die­ser über­aus rich­ti­gen Ansatz­wei­se allei­ne auf wei­ter Flur steht.
Die Ein­füh­rung der Bache­lor- und Mas­ter Stu­di­en­gän­ge ist zwar unaus­weich­lich und sicher­lich nicht ver­kehrt, wird aber intern natür­lich nicht so akzep­tiert wie die bis­he­ri­gen Abschluß­va­ri­an­ten. Am Wich­tigs­ten ist jedoch, dass die Absol­ven­tIn­nen nach Been­di­gung ihres Stu­di­ums einen qua­li­fi­zier­ten Job fin­den — und genau dar­auf muss die Stu­di­en­re­form aus­ge­rich­tet werden.

Was muss sich ändern? Vie­les. Vor allem aber auch das Selbst­be­wusst­sein der Stu­den­tIn­nen, die ganz klar ihre Bil­dungs­an­sprü­che gegen­über den Hoch­schu­len kom­mu­ni­zie­ren müs­sen und sich von irgend­wel­chen Schein­ab­schlüs­sen nicht blen­den las­sen dür­fen. Sonst lan­den sie wirk­lich noch alle in den Medien… 

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