Der Dreizehnte Monat

Mit der Unschärfe ist es wie mit der Liebe: Am Ende zählt nur der Blick fürs Ganze. Für die Farben und die Stimmung, für die Gefühle beim Betrachten. Ähnlich verhält es sich mit geschrieben Werken – auch Jahre später können sie noch Emotionen erwecken. So wie bei mir.

Vor ungefähr 67 Jahren verfasste Erich Kästner einen (mittlerweile berühmten) Gedichtzyklus über die 12 Monate des Jahres. Später ergänzte er sein Werk noch durch ein schönes Vorwort und vor allem einen dreizehnten Monat, in dem er die Frage stellt, wie dieser wohl aussehen könne.

Das Vorwort alleine schon könnte in diesem Corona-Jahr nicht treffender sein: „Die Jahreszeiten finden in der Markthalle statt.”  – als Großstadtmensch verlernt man schnell den Blick für die Natur, weil man vor allem von versiegelten Flächen umgeben ist. So war es schon 1954, und heute ist es nicht viel besser. In diesem Jahr aber verbringen wir unheimlich viel Zeit voneinander getrennt, und erleben die Jahreszeiten wie im Rausche vorbeifliegen. Jetzt haben wir schon fast Ende Juli und erleben ein Jahr, in dem die Welt Kopf steht und sich eigentlich verändern, gar verbessern könnte.

Dieser Tage stieß ich via Twitter wieder auf Kästners Werk und so arbeitete es in mir, den 13. Monat in einer eigenen Wunschvorstellung mit Leben zu erwecken. Twitter ist ein sehr kurzweiliges Netzwerk, mit kurzer Aufmerksamkeitsdauer und sich schnell ändernden Inhalten. Es gibt zwar eine Suchfunktion, doch wonach suchen? Daher möchte ich meine Tweets zu diesem Thema mal in Form dieses Blogposts festhalten und hier eintragen, was ich dort so zum dreizehnten Monat schrieb. Die Länge der Tweets ist derzeit auf 280 Zeichen begrenzt, die Kürze bestimmt also die Länge. :-)

Der 13. Monat, er wäre wohl meiner,
die Menschheit in ihm, sie wäre feiner.
Sie würde keine Kriege ausfichten,
stattdessen mit Güte und Liebe beschwichten.
Es wäre eine Zeit der globalen Pandemie,
für die Menschen eine Möglichkeit zur Therapie. (src)

 

Besinnung auf die eigentlichen Werte,
ohne dass sich jemand wirklich beschwerte;
In der ein Mensch vor allem er selber ist,
sein Wert sich nicht an Herkunft misst,
In der Faschismus nicht erstärke,
Dummheit und Hass nicht ständig werke. (src)

 

Der 13. Monat, er wär so fein,
er wär willkommen, wir riefen “Herein!”.
Wir würden seiner an Weihnachten gedenken,
uns gegenseitig mit Liebe beschenken.
Und doch wär er nur Wunsch und Utopie,
ein Gedanke in dieser elenden Pandemie. (src)

 

“Drum schaff dich selbst! Aus unerhörten Tönen!”
hör ich den Dichter im Vorwort stöhnen.
Der 13. Monat sodann, er wäre unsere Chance,
die Welt zu verbessern, und wärs nur eine Nuance.
Wir müssten sie uns selber schaffen,
mit viel mehr Liebe als unseren Waffen. (src)

 

Im 13. Monat würden die Autos keinen Raum einnehmen,
sie führen lautlos in ihren Systemen;
Das Miteinander wäre das Maß der Dinge,
wenn es um die Umwelt ginge;
Öffentlicher Nah- und Fernverkehr
wär viel günstiger und so populär;
Die Städte wieder für die Menschen da,
is klar? (src)

 

Im 13. Monat wär die Musik auch wichtig,
wohlklingend, antreibend und so vielschichtig;
Sie wäre viel mehr Mittelpunkt im Alltag,
ein jeder dürfte hören was er mag;
Ob Sprechgesang oder transponierte Höhen,
man könnte sich an all das gewöhnen. (src)

 

Kommen wir nun zur Essenslage,
denn die wäre auch kein Grund zur Klage;
Ein jeder hätte eine Grundversorgung,
es gäb keinen Hunger, keinen Grund zur Sorge;
Auch sanitäre Einrichtungen wären vorhanden,
Duschen und Toiletten an jeder Ecke entstanden. (src)

 

Fürwahr, der 13. Monat wäre eine Utopie,
so etwas Schönes aber, das gab’s noch nie;
Es wär mal Zeit für diesen Wandel,
Zeit für die Menschen, bald zu handeln;
Der Planet, er braucht uns nicht wirklich,
im Grunde sind wir alle gar nicht wichtig. (src)

 

Nun sind wir aber trotzdem hier,
glänzen vor allem durch unsere Gier;
Trotz der Ohnmacht vor dem Durcheinander,
fänden wir wohl doch zueinander;
Würden uns alle weniger streiten,
eher gegenseitig Freude bereiten. (src)

t.b.c.

Mit der Dichtkunst verhält es sich bei mir wie mit anderen Dingen, die ich in 2020 aktiviert habe. Sie ist vielleicht nicht ideal, aber in dem Moment ist es einfach da und muss raus. Nicht für die Anerkennung, sondern fürs eigene Seelenheil werden die Dinge aufgeschrieben. Nicht für die Likes oder Twitterfame. Und während andere in der Krise zu Hause in Schockstarre verweilten, weil die Umstände die gewohnten Abläufe verhinderten, fühlte ich mich in dieser Zeit so frei und lebendig wie schon lange nicht mehr. Eine Bekannte schrieb mir dazu, dass sie aufgrund unseres Third Culture Kid (TCK) Hintergrunds derzeit aufblühe und diese neu empfundene Energie das Ergebnis unserer Kindheit wäre, in der man durch die vielen Ortsveränderungen ständig auf neue Dinge programmiert worden sei. Und so empfinde ich es auch. 2020 meint es bisher gut mit mir, obwohl sich derzeit alles auf den Kopf stellt und die Achterbahnfahrt sicherlich noch nicht zu Ende ist.

2020 ist unser dreizehnter Monat.

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