Das BarCamp RheinMain 2016 #bcrm16

Es ist eigentlich sehr verwunderlich, dass man in 2016 immer noch das BarCamp Format erklären muss. “BarCamp was? Hat das etwas mit Bar zu tun?”, so die erste Frage, sobald man freudestrahlend vom BarCamp erzählt. Dabei geht es doch weniger um das Format, sondern vielmehr um den Wissensaustausch.

BarCamps sind Veranstaltungen, auf denen Menschen ihr Wissen austauschen können und seitens des Veranstalters nur der Termin und die Räumlichkeiten vorgegeben wird. Die Veranstaltung ist meistens 1- oder 2-tägig, man trifft sich morgens am Veranstaltungsort, die Teilnehmer machen eigene Themenvorschläge, über das Publikum wird kurz Interesse signalisiert und der Veranstalter arbeitet dann ein Tagesprogramm — die Sessionplanung — aus.

Die Eröffnung des 8. BarCamps RheinMain
Hat jemand Interesse an der vorgestellen Session? Handzeichen genügt.

Und darin genau besteht der Unterschied zu einer normalen Konferenz: Es gibt kein fertiges Programm mit Sprechern und die Teilnehmer können sich selber einbringen, eigene Themen vorstellen und in den einzelnen Sessions jeweils Fragen stellen. Für einen Wissensaustausch ist das viel förderlicher und die Interaktion, dieses Miteinander, steht daher im Mittelpunkt. BarCamps sind damit im Grunde das, was wir uns seinerzeit in 2005 unter dem Web 2.0-Begriff im Internet gewünscht haben. Ein fröhliches Miteinander, das oftmals inspiriert und vor allem in seinen spontanen Momenten lebt.

Edit: Zur Geschichte des BarCamps gibt es diesen wunderbaren Artikel von Mikka Luster, der die Anfänge der Camps erzählt und vor allem auch auf die offene Kultur hinweist.

“Dafür braucht es Freiwillige, und die müssen Aufstehen. Das Camp als Konsumveranstaltung, als Sales-Pitch, das funktioniert nicht. Es ist, vom Design her, eine mehrtägige Veranstaltung auf engstem Raum, bei dem Menschen zusammen, jeder nach seinem Können und für Jeden nach dessen Bedürfnissen, etwas schaffen das nachhaltige Wirkung auf die Arbeit und das Leben jedes Teilnehmers hat.”

Bundesweit gibt es so einige fachspezifische Veranstaltungen im BarCamp-Format, beispielsweise über Projektmanagement, über Ernährung oder über erneuerbare Energie. Das Format selber eignet sich also schon auch für eine fachspezifische Anwendung und punktet vor allem dort, wo die Teilnehmer bisher nur traditionelle Konferenz-Formate gewohnt sind.

Das BarCamp RheinMain ist themenunabhängig und findet seit 2009 jedes Jahr nur einmal statt. Dieses Jahr zum 8. Mal vom Verein zur Förderung der Netzkultur im Rhein-Main-Gebiet e.V. veranstaltet, ist es organisatorisch ein großer Aufwand: es gibt ein kleines Team von Freiwilligen, die ihre (Arbeits-)Zeit und Energie in die Orga stecken, Sponsoren organisieren, ein großartiges Catering buchen und vor allem den richtigen Ort dafür finden.

Die Visual Thinking Freunde in Frankfurt planen übrigens ein MeetUp im Janur 2017.

 

In den vergangenen acht Jahren hat sich herausgestellt, dass die Hochschulen immer die besten Orte für ein BarCamp sind, weil es dort große Versammlungsräume, Seminarräume mit Internet und Beamer gibt, eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und auch genügend Toiletten.

Tom Nolte stellt die Intrapreneur Starter Box der Deutschen Bahn vor.

Die Hochschule RheinMain am Standort Wiesbaden und die Uni Mainz waren jetzt jeweils schon zwei Mal Gastgeber, beim Mediencampus Dieburg der Hochschule Darmstadt und bei der Telekom in Darmstadt war man zu Gast, die FH in Bingen öffnete ihren Campus in 2015 — nur in Frankfurt, Standort der Uni und FH, ist man noch nicht so weit und musste in 2014 auf die Räumlichkeiten einer Frankfurter Agentur ausweichen. Was muss eigentlich geschehen, damit eine Veranstaltung wie das BarCamp auch in einer Frankfurter Hochschule stattfinden kann? Und wäre es nicht folgerichtig, dass die BarCamps von den Studenten organisiert werden?

“Hast Du mal mit Studenten gesprochen? Die haben keine Zeit …”, schrieb mir Markus Tacker auf meinen Tweet hin zurück. Markus ist im Veranstalterteam des BarCamps und möchte die Verantwortung dafür nächstes Jahr abgeben. Einer der Gründe dafür ist auch, dass es jetzt in 2016 für jedes Einzelthema ein eigenes Meetup gibt. Sogar für den Text-Editor Vim gibt es mittlerweile eine regionale Usergroup, für den rein fachlichen Austausch gibt es also weniger Grund, ein BarCamp mit allgemeinen und im Vorfeld unbekannten Themen zu besuchen. Und doch fasziniert es mich immer wieder; das BarCamp RheinMain ist die für mich wichtigste Veranstaltung im Rhein-Main-Gebiet, auf der jedes Mal ein buntes Potpourri an Themenfeldernangeboten wird.

Lego Serious Play als Problemlösungsmethode

Das alles erwähne ich hier so ausführlich, weil ich selber auch Veranstaltungen in Frankfurt organisiere und mich immer ärgere, dass es in Frankfurt so viele Menschen gibt — die man aber so selten bei solchen Events sieht. Ich bin mir sicher, dass jeder ein interessantes Thema hat, über das er oder sie gerne sprechen möchte. Selber aktiv sein und mitmachen, zum Wissensaustausch beitragen! Nicht immer nur passiv konsumieren, dafür gibt es ja schließlich das Fernsehprogramm und selbst das integriert immer mehr Interaktion (vgl. Funk, Die-Tatort-Show, usw.).

Simon Brüchner mit einem Vortrag über Instabug

Manche Themen beim BarCamp sind auch so sonderbar, dass man sich gerade aufgrund dessen für die Session entscheidet. Und wenn es dann doch nicht gefällt, kann man auch einfach aufstehen und in den Nachbarraum zur nächsten Session gehen. Interessante Vorträge, die leider parallel ablaufen, kann man so besser verfolgen. “In welche Session gehst Du? Ich gehe in den anderen Vortrag und Du kannst mir dann später davon erzählen und umgekehrt”, so der Simon Brüchner zu mir am Sonntag vormittag. Simon ist PHP-Entwickler im B2B-Bereich und erst dieses Jahr nach Frankfurt gezogen. “Überagile Mobile Development with Instabug”, hieß sein Vortrag über ein Tool, das in der agilen Entwicklung zum Einsatz kommt und direktes Feedback der Nutzer erlaubt. Seine Session habe ich leider verpasst, weil ich bei der Yasmin Tuncay in einem Vortag über Messenger Bots saß. Bots sind programmierte Anwendungen, die u.a. beim Erstkontakt mit Kunden zum Einsatz kommen und Standardfragen beantworten. Diese Bots werden immer leistungsfähiger und können aus dem Sprachmischmasch unserer Fragen Antworten erzeugen, die komplexe Suchergebnisse beinhalten. Das ist insofern interessant, weil es die Arbeitswelt verändert und eine Folge der SocialMedia-Bemühungen im B2C-Bereich ist. Hätte das jemand für möglich gehalten, als Weinberger & Co. in 1999 das Cluetrain-Manifest proklamiert hatten?

Visual zum Welttoilettentag von Elise Crespin

Am BarCamp-Samstag war auch Welttoilettentag, und da ich am Vortag im Frankfurter Zukunftspavillon eine Pressekonferenz zum Thema mitorganisiert hatte, war es sehr nageliegend, am Welttoilettentag auch eine Session zum Thema anzubieten. Toiletten sind ein wichtiges Thema und betreffen uns alle, aber vor allem: Ich brenne für das Thema. Es ist mein Fachgebiet, ich kann leidenschaftlich darüber referieren und brauche dazu nicht mal eine Präsentation. Und genau darum geht es beim BarCamp: Über Dinge sprechen, für die man sich leidenschaftlich interessiert. Bill Gates war früher auch eher langweilig, aber seitdem er mit seiner Bill & Melinda Gates Foundation EZ-Projekte fördert, ist er zum leidenschaftlichen Speaker geworden, der auch witzig vortragen kann. Im Zeitalter der optimierten Selbstdarstellung ist diese Begeisterungsfähigkeit keine schlechte Eigenschaft.

Auch das ist kein Problem: während eines Vortrags im Backchannel Meinungen austauschen (hier übrigens unser Fotograf Marc, der für diese wunderbaren Bilder gesorgt hat und dafür in fast allen Sessions war. Vielen Dank!).

Es ist daher sehr spannend, ob sich für 2017 ein neues Team finden wird, welches das BarCamp fortführen mag und ob wir dann neue Besucher haben werden, die über das BarCamp neue Impulse und Inspirationen bekommen. Beim jetzigen BarCamp waren ca. die Hälfte der Teilnehmer am SamstagErstbesucher, was mich sehr gefreut hat. Im Idealfall wäre es sogar mal eine Frankfurter Bildungseinrichtung, die ihre Räumlichkeiten dafür zur Verfügung stellt. Für 2017 wünsche ich mir daher eine noch aktivere und zahlreichere Community in Frankfurt und Rhein-Main, die an gemeinsamen Events teilnimmt und sich gegenseitig inspiriert.

http/2 statt http 1.1, oder: Übertragungsprotokolle im Vergleich.

Unter dem Hashtag #bcrm16 finden sich bei Twitter und Facebook einige Impressionen aus den Sessions. Blogposts zu den Eindrücken aus den Sessions bei Adrian YassMaria LeimbachMikka LusterNicole Lücking und Antje Krause. Weitere Fotos zum BarCamp findet Ihr im Bilder-Pool bei Flickr.

(Fotos © @nochsoeiner , cc-by-sa @jke )

Author: jke

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