Die Welt im Notizbuch, Teil 1

Ich stehe im Gang des ICs von Mainz nach Frankfurt, lese endlich Ryszard Kapuscinskis Buch “Der Fußballkrieg” zu Ende – einem Buch, in dem er vor allem von Menschen, den Irrsinn der Kriege und seinen Erfahrungen bei Reisen auf dem afrikanischen und südamerikanischen Kontinent berichtet, und dabei immer wieder sein Interesse für die Menschen und deren persönlicher Schicksale deutlich wird (“ich hasse Schreibtische”) – und neben mir kommt es zu einem typischen Streitgespräch zwischen einem Fahrgast und dem Schaffner, weil der Bahnkartenautomat – als eigentlicher Übeltäter und Hüter des Systems – nicht auf Zugverspätungen eingeht, und in Folge dessen ein unpraktischeres, aber vor allem teureres Ticket ausgedruckt hatte. Streitwert: 8,- EUR, weshalb der Schaffner gebeten wurde, dieses auf dem Ticket zu vermerken (“..ich erwarte da mehr, ich bin immerhin Bahn-Komfort-Kunde..”).

Gestört durch dieses Hintergrundrauschen und der so unendlich typischen, unterschwelligen und angestauten Aggressivität beider Streitpartner, mische ich mich kurz ein um zu schlichten und darauf hinzuweisen, dass die Entwertung des Tickets durch den Schaffner schon hinlänglich genügend Beweis ist.

Es hilft alles nichts, der Kunde erwartet Service und Komfort, der Kunde hat – trotz mangelndem Rechtsverständnis – eh immer Recht, und nach ca. 20 Minuten Debatierens, trennen sich unsere Wege, und ich tauche wieder ab in meine Welt des R.Kapuscinskis – einer Welt, die mir so vertraut vorkommt und vielleicht gerade deswegen interessant erscheint.

Jung, dynamisch und ein kleines bißchen naiv schrieb ich im Jahre 1996 eine e-mail an Ostafrikas umsatzstärkste Tageszeitung, The Daily Nation, in der ich darauf hinwies, dass man in Kenia – im Gegensatz zu Deutschland – oft noch ein Lächeln für sein Gegenüber übrig habe. Dieser Hinweis wurde in der täglichen Gossipkolumne “The Cutting Edge” abgedruckt, die von vielen Lesern als erstes aufgeschlagen wird.

Letztens erzählte mir mein Kumpel T.H.User vom sechseinvierviernull-blog, dass er die Strecke FH FFM – Oberursel NUR noch mit vollgeladenem MP3 player absolvieren könne. “Der Akku ging zu Neige, und ich habe das Gerät dann extra ausgeschaltet, um auf der Rückfahrt noch meine Ruhe zu haben”, erzählte er mir – mit einem ermüdeten Blick in den Augen, wie ich ihn seit der alltäglichen Trips in der S-Bahn nach Eschborn gut nachvollziehen kann.

Meine Mutter rief mich im Zug an, und plötzlich strömten in Rödelheim zwei junge Kerle in den Waggon, die sich lautstark unterhielten. Meine Mum frug nach dem Grund für das laute Geräusch, in Folge dessen ich dann die beiden Spackos durch den Waggon zurechtwies, dass sie sich bitte ruhiger unterhalten sollen, weil es a) stört und b) ich telefonieren wolle. Aiii….“Aldaaa, machst Du Handy aus!”, kam als Antwort. “Machst Du Handy aus, machst Du Handy aus”.

Seit meiner letzten Bewährungsprobe in Kenia hat sich mein – für Aussenstehende fälschlicherweise oft als aufbrausend interpretiertes – Verhalten in solchen Situationen gelegt. Einzig der eine Tag in Nairobi, als sie unseren Wagen nach weniger als 2 Minuten blockiert und eigentlich nur nach einem Grund gesucht hatten, Geld zu kassieren, verbleibt mir als letzter emotionaler Moment in Erinnerung. Da war ich aber auch wirklich gereizt. Und die Kenianer mögen es ja überhaupt nicht, wenn man laut wird und sie damit mit einer Situation konfrontiert, die sie so in dieser Form nicht kennen.
Dies also als Erfahrungshintergrund, dazu die Müdigkeit vom Tag im Büro, veranlassten mich dann dazu, gar nix weiter zu unternehmen. Die anderen Bürohengste im Waggon waren eh damit beschäftigt, an ihrem MP3 player herumzuspielen, oder hatten auch einfach nur nicht den Arsch in der Hose, hier mal im Kollektiv der Jugend Respekt beizubringen. Ein Lächeln von mir als Antwort, und Ignorieren der nervenden Situation.

07-06-005
Der Mensch im Mittelpunkt? (Frankfurt am Main, Gutleutstraße)

Zurück zum enttäuschsten Bahnkunden und seinem Ticketproblem: so wie sie hier in diesem Land mit einer Sorgfalt, preussischem Pflichterfüllungswahn und Ernsthaftigkeit gute bis sehr gute Autos bauen, erwarten sie auch im Gegenzug ein nahezu perfektes Funtionieren der Systeme.
Kommt es jedoch anders, brodeln die Gemüter hoch und kanalisieren sich innerhalb dieses, durch die demokratische Grundordnung (LOL) eingefassten Rahmens, auf solche banalen Vorgänge wie Ticketverbuchungen und andere was-wäre-wenn-Situationen, die – für Ausstehende betrachtet – in ihrer Wichtigkeit weniger wichtig erscheinen.

Und es ist ja nicht so, dass es in Kenia nicht auch zu verrückten, zwischenmenschlichen Situationen kommt (was dieses traurige und schlimme Beispiel vielleicht verdeutlicht), aber dort habe ich in keinem einzigen Sammeltaxi (“matatu”) erlebt, dass sich Leute so dermaßen aufregen können. Und wenn dann ist dies ein schneller Prozess, bei dem dann alle Fahrgäste – z.B. bei einer spontanen, willkürlich übertriebenen Erhöhung des Fahrpreises aufgrund von außergewöhnlichen Einflüssen wie Regen – im Kollektiv den Fahrer und seinen geldeintreibenden Begleiter zügeln und auf den Boden der Tatsachen zurückbringen. Im Zweifelsfall wird dann einfach das Gefährt gewechselt. Vielleicht auch weil dies das System ist, welches solche Vorgänge regelt (und nicht etwa die Regierung).

Ich wünsche mir für ein Deutschland im 21. Jahrhundert, welches innerhalb von Europa nicht nur als Transitland dient, noch viel mehr Leichtigkeit, ein entspanntes Verhältnis im täglichen Umgang und Miteinander, ein wirkliches Interesse und Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Rituale, mehr unsynchronisierte Filme im Fernsehen & den Kinos, sowie ein gesundes Demokratieverständnis, welches fernab geschichtlicher Altlasten und typischer Systemzwänge der Kreativität in allen Bereichen mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Manchmal beneide ich solche Korrespondenten wie R.Kapuscinski oder P.Scholl-Latour, die parallel zur positiven Entwicklung ihrer Heimatländern, im Dschungel Afrikas oder Südostasiens, “von Mücken gejagt und Durchfall geplagt”, ein Porträt aus einer anderen Welt aufzeigen wollten. Und diese “andere Welt”, die Erkenntnis, dass es oft auch anders (zu)geht, genau das wünsche ich mir hierzulande manchmal.

Vor allem beim Bahnfahren.

2 comments » Write a comment

  1. Mabruk! Das heißt Glückwunsch auf arabisch. Ein schöner Artikel. Ich kenne diese Momente auch nur zut gut und denke dann an oft an meine Zeit in Kairo zurück.

  2. Ich kenne diese Strecke nur allzu gut, ich war allerdings immer genervt, habe meistens taz gelesen. Ich glaube ich bin nicht so im Zen wie Du. Dieses Gedraengel an der Messe, Roedelheim war auch der Hammer. Und Gallus, wenn ich mich nicht taeusche, dann noch der Marsch von der Station zum Arbeitsplatz, mit den ganzen lahmen Leuten vor einem. Mit dem Auto eine halbe Stunde taeglich, mit der Bahn zwei. Trotzdem sind oeffentliche Verkehrsmittel genial. Alda bis bald…