Der Anschlag

tl;dr: Auch Terroristen nutzen Twitter. // A bridge-blogging attempt in German re: the Westgate terror attack. Na kadhalika.

Stellt Euch vor, Ihr seid gerade beim Shoppen im beliebten Einkaufszentrum, als eine Horde bewaffneter Fanatiker auf den Parkplatz des Einkaufszentrums rast, die Parkplatzwächter erschießt, wahllos auf Passanten zielt und dann mit Handgranaten bewaffnet das EKZ stürmt. Wie würdet Ihr reagieren?


Keine 12 Stunden nach dem offiziellen und vorläufigen Ende des Terroranschlags auf das Westgate Einkaufszentrum in Nairobi bleiben noch viele Fragen offen. Wichtige Fragen zu den Hintergründen, den Attentätern, ihrer Motivation, dem Ablauf – aber auch zum Verständnis, wie die internationale Gemeinschaft während der Dauer des Anschlags mit diesem grausamen Verbrechen umgegangen ist. Und wie die kenianische Regierung in Zukunft mit solchen Situationen umgehen wird.

Antworten werden sich wohl frühestens in den kommenden Wochen finden lassen, und wenn sind diese dann vor allem online zu finden. Jawohl, online bei Twitter und Facebook. Twitter hat sich in Kenia in den letzten Jahren als einer der wichtigsten Kommunikationskanäle herauskristalisiert. Vom Präsidenten über die einzelnen Ministerien hin zur einfachen Hausfrau – viele kommunizieren via Twitter. In Kenia. In 2013. Und vor allem während solcher Notfallsituationen – ist Twitter doch oft die einzige zeitnahe Informationsquelle. Man kann das an dieser Stelle gerne mit Deutschland vergleichen.

Natürlich mag das auch an fehlenden Alternativen in Form von Gruppen-SMS oder anderer kommunaler Warn- und Informationssysteme (vgl. KATWARN-System in Deutschland) liegen, oder an der sozialen Ader vieler Kenianer, ständig im Austausch zu sein.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Nachricht über den Terroranschlag am vergangenen Samstag in Windeseile vor allem über Twitter verbreitete. Jeder wollte wissen, was da nun genau vor sich geht. Schnell gab es auch schon erste Bilder von blutüberströmten Menschen, die tot oder lebendig aus dem EKZ getragen wurden. Unverpixelte Bilder von zivilen Einsatzkräften, die mit Handfeuerwaffen die Eingänge absicherten und die Form von Ersthilfe leisteten, die ein chaotischer Staat wie Kenia aufgrund von Misswirtschaft bei der Polizei und den wenigen öffentlichen Krankenhäusern so alleine niemals hätte stemmen können.

Es ist dem beispiellosen Einsatz der Kenianer und der internationalen Gemeinschaft in Kenia zu verdanken, die durch Geld-, Blut und Sachspenden innerhalb kurzer Zeit die Form von Ersthilfe aufgebracht haben, die der Staat Kenia so niemals selber aufgebracht hätte (können). Das ist für ein Land wie Kenia aus meiner Sicht durchaus beachtenswert, weil es gerade diese gruppendynamischen Dinge sind, die dem Fortschritt im Lande in den letzten Jahren so dringend gefehlt haben. Unter den Hashtags #WeAreOne und #WithOneAccord wurde dann auch Einigkeit demonstriert, und dass man den Absichten der Terroristen kein Gehör verschaffen würde. Selbst als die beliebte, zur Aga Khan Mediengruppe gehörende Tageszeitung The Daily Nation am Folgetag fehlendes Feingefühl bei der Bildauswahl bewies und das Foto einer blutüberströmten Verletzten als Aufmacher wählte, kam es zu einem nächtlichen Shitshorm, der die VÖ zu verhindern versuchte (irgendjemand hatte schon in der Nacht Zugriff auf die erste Printausgabe und verschickte einen Schnappschuss via Twitter). Als Wiedergutmachung entschuldigte sich der Vorsitzende der Mediengruppe und bot an, kostenlose Todesanzeigen für die Opfer des Anschlags drucken zu wollen.

Die mediale Begleitung, so scheint es, ist immer mehr Teil der eigentlichen Terrorstrategie. Den Effekt kennen wir alle spätestens seit 9/11 und den wiederholten Einschlägen der Flugzeuge ins WTC. Sascha Stoltennow, der ein Blog zu sicherheitspolitischer Kommunikation führt, hatte dies in seinen Talks beim 2012er BarCamp RheinMain und bei der re:publica 2013 sehr eindrucksvoll demonstriert:

Die Medien sind also Teil der psychologischen Kriegsführung. Das erscheint sicherlich naheliegend und auch ‘modern’, wird einem aber erst wirklich bewusst, wenn man sich bei Twitter die vielen Tweets zu einem arabischen Hashtag anschaut, der übersetzt so viel wie ‘Operation Nairobi’ bedeutet und hier aus technischen Gründen nicht erscheint. Größtenteils Hasstweets von Islamisten, die den Anschlag in Nairobi glorifizieren und/oder auf die Zustände in Somalia hinweisen wollen.

Und während das erste ‘offizielle’ Pressekonto der Terroristenorganisation, die sich den Anschlag und den Hass buchstäblich auf die Fahne geschrieben hat, bei Twitter alsbald gelöscht wurde, gab es neben weiteren ‘Pressekonten’ immer mehr Trittbrettfahrer, die die Hassbotschaften der Terroristen über Twitter verbreitet haben. Islamisten bei Twitter sind leider auch keine Seltenheit – der deutsche Journalist Florian Flade veröffentlichte in einem Blogpost die über Twitter verbreitete Liste der Namen der angeblichen Attentäter. Ziel einer solchen (Des)information ist es natürlich, die Terroristen als Nachbarn aus unseren Breitengraden erscheinen zu lassen.

Wohlgemerkt: Twitter ist kein einseitiger Kommunikationskanal, über den man nur Pressemitteilungen raushaut. Konversationen sind das Ziel, und so ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass bei fehlender Kommunikation und Informationslage das Netz heiß läuft und nach Antworten sucht. Sich dieser Situation bewusst, hatten die kenianischen Sicherheitskräfte zuerst eine Art Nachrichtensperre verhängt und bestenfalls nur vage Statements verkündet. Mit der Folge, dass immer mehr Falschinformationen retweetet wurden.

Die Flucht nach vorne als einziges Mittel, hat die kenianische Regierung dann schnell ihre eigenen Twitterkonten verifizieren lassen und gezielt die Bevölkerung zur Ruhe und Ordnung aufgefordert. Während die internettechnischen Angebote der vorherigen Regierung unter Ex-Präsident Kibaki noch weit zurück lagen und mehrfach gehackt wurden, konnte durch das neu geschaffene und vor allem verifizierte mediale Angebot schnell wieder Zuversicht angeboten werden:

Es bleibt also abzuwarten, wie sich die Nachrichtenlage in den nächsten Tagen ändern wird. Wer informiert bleiben möchte, sucht aktiv bei Twitter und retweetet nicht jede Falschmeldung wie der folgende Bericht zeigt, bei dem eine helfende Geisel fälschlicherweise als Terroristin “identifiziert” wurde:

Leider sind viele übereifrige Falschmeldungen bei Twitter auch nur der Eitelkeit einiger Blogger zu verdanken, denen falsches Bildmaterial zugeschickt wird und die es dann ungeprüft verbreiten. In der Fülle der Tweets gehen diese Falschmeldungen leider oft unter (der Kenianer Robert Alai ist so einer und hatte dafür auch schon öfter böse aufs Maul bekommen. So schade.).

Meine Freunde von Ushahidi Inc. haben sich derzeit auch Gedanken über den Einsatz einfacher Tools für Notfälle gemacht und testen derzeit ein Tools namens Ping, das vor allem unkomplizierte, SMS-basierte Gruppenchats ermöglichen soll – etwas, das Twitter ganz früher (in 2007) auch schon bot (nämlich dass man einen Tweet als SMS an eine Gruppe von 10 Twitternutzern schickte und diese dann bei allen ankam – ähnlich wie WhatsApps Gruppenchats, aber nur SMS-basiert und damit nicht nur auf Smartphones beschränkt).

rsz_ping-how-it-works-final

Ebenso wurde eine Crowdmap Installation für Blutspenden in Kenia eingerichtet (CrowdMap ist die gehostete Version des Krisenkartentools Ushahidi, für die man keinen eigenen Server braucht).

Zum Schluss noch ein Tweet von Ory zum frühen Ableben zweier Coder aus der kenianischen Entwickler”gemeinde”:

Inna Lillahi wa inna ilaihi raji’un, Bwana @iddsalim!

Edit:

1 comment » Write a comment

  1. I hear you. It’s mainly my family who don’t use the internet so much which I guess is understandable. I was surprised to find so many German people afraid of the internet, and SO many people *NOT* using facebook! That’s just inconceivable for me.
    I broke up with a guy recently and I realised that something I need in a relationship is for them to have knowledge of the net like I do. I want to be able to laugh at memes with them, or keep up with internet goings on with them – it’s as important as keeping up with the news, for me.